Dienstag, 13. Februar 2018

Wo war Gott in Auschwitz?

Wo war Gott in Auschwitz?, wird oft gefragt. Die Antwort scheint mir recht einfach: Er war beispielsweise in den Gaskammern. — Gott ist allgegenwärtig, aber sein „Platz“ ist inmitten seiner Geschöpfe, gerade auch dort, wo ihnen Unheil widerfährt. Gott, der Unveränderliche, leidet nicht in dem Sinne, wie Menschen leiden, aber man wird sagen dürfen, dass Gottes „Mitleiden“, seine Anteilnahme am Wohl und Wehe der Menschen, von denen er jeden einzelnen liebt, von Ewigkeit her zu seinem Wesen gehört. Gott ist also in Auschwitz gerade dort zu finden, wo Menschen gelitten haben, aber auch dort, wo sie ihr Gewissen ausgeschaltet hatten (oder Gewissensqualen litten). Der millionenfache Mord, für den der Name „Auschwitz“ steht, ist nicht nur ein Verbrechen an Menschen, sondern gerade deshalb auch eine Sünde gegen Gott. Ohne Gott ist das Monströse an Auschwitz gar nicht denkbar, er ist gegenwärtig in seiner Anrufung und im Vertrauen auf ihn, gegenwärtig in Verzweiflung, Schmerz und Todesangst, aber auch gegenwärtig in seiner Leugnung durch die böse Tat. Ohne den Widerspruch zwischen den, was sein soll, und dem, was nicht sein soll, zwischen Gottes Willen und Sünde, wären die grauenhaften Ereignisse einfach beliebige Vorgänge gewesen, weder gut noch böse. Ihre ungeheure Sinnwidrigkeit, die Maßlosigkeit des Verbrecherischen aber verweist auf die Verletzung einer höheren Ordnung als einer bloß von Menschen gesetzten Normativität. Dass Menschen einander Gutes und nicht Böses tun sollen, kann man auch glauben, ohne an Gott zu glauben. Überschreitet die Bosheit aber jegliches Maß, wird sie gleichsam absolut, so kann dem nur das absolut Gute entgegengehalten werden, genauer: der Glaube an den absolut Guten. Alles Andere überließe das Leiden der Menschen der Sinnlosigkeit. Ohne Gott gibt es keine Möglichkeit, dass das Leiden zwar war, aber nicht sinnlos, und dass alles gut gewesen sein wird.

Samstag, 3. Februar 2018

Feminismus + Rassismus = Kölner Silvesternacht 2015

Wie leicht das geht. Wie wenig es braucht. Nicht einmal Schüsse und Explosionen, geschweige denn Geiselnahmen und Flugzeugabstürze. Nicht einmal diese berühmten Fernsehbilder, die wir immer alle gesehen haben, nicht einmal irgendwas Unscharfes von Überwachungskameras oder was Verwackeltes von Handys. Bloß ein paar unbewiesene Behauptungen und eine nach und nach so richtig in Fahrt kommende Berichterstattung, die sich aus lauter Gerüchten und Vermutungen zusammensetzt, deren belegbare Fakten nur darin bestehen, wer wann darüber etwas gesagt haben soll, was wer wann und wo getan haben soll. Einen öffentlichen Diskurs also, dessen Faktizität die Faktizität der Ereignisse substituiert. Bis sich niemand mehr vorstellen kann, dass es sich anders zugetragen hat, als man es sich im Voraus immer schon vorgestellt hatte. Undenkbar, dass alles ganz anders gewesen sein könnte. Unmöglich, dass sich nichts zugetragen haben könnte.
Aber es muss nicht nur irgendetwas gewesen sein, es muss dieses Bestimmte gewesen sein: Sexuelle Gewalt gegen Frauen. Da weiß man, woran man ist, da kennt man sich aus. Der Diskurs ist hysterisch: Er simuliert in höchster Erregung eine Realität, die es nur gibt, insofern er daran glaubt. Millionen von Menschen, die nicht dabei waren, die nichts beobachtet haben und nichts bezeugen können, sind sehr rasch sehr fest überzeugt, zu wissen, was war, und wie das, was war, es zu beurteilen ist. Sie erklären sich die Ursachen und fordern Maßnahmen. „Experten“ und „Politikern“, denen Journalisten die Bühne bieten, tun ihnen gerne den Gefallen und faseln von Zwängen, Nöten und Abgründen und phantasieren von Härte und Strenge.
Die „Ereignisse“ bilden einen Einschnitt. Es gibt ein Vorher und Nachher. Die „Silvesternacht von Köln“ wird zum feststehenden Begriff. Was genau damit begriffen wird, ist zwar von Anfang an undeutlich und wird im Laufe der Zeit mehr und mehr verschwimmen, aber jeder wird stets wissen oder zu wissen glauben: Da war doch was. Etwas Ungutes. Etwas, gegen das etwas unternommen werden musste.
„Köln“ bringt zwei der aktuellen Lieblingsthemen der Zeit zusammen: Die sexuelle Gewalt gegen Frauen und die Minderwertigkeit von Ausländern. Zur Fremdenfeindlichkeit hat immer schon die psychische Besetzung des fremden Mannes mit Sexualangst gehört, das Phantasma einer übermächtigen und übergriffigen sexuellen Leistungsfähigkeit und Leistungswilligkeit des Orientalen. „Die nehmen uns die Frauen weg“ war immer schon zumindest unterschwellig so präsent wie „Die nehmen uns die Arbeitsplätze weg“ oder „Die nehmen uns die Heimat weg“.
Als also mit einiger Verspätung ( in der Silvesternacht selbst hatte die Polizei alles als mehr oder minder ruhig eingeschätzt) Anzeigen und Berichte auftauchten, die rassistische Phantasien enthielten — Wie erkennt eine Zeugin eigentlich, ob ihr Belästigter aus dem „nordafrikanischen oder arabischen Raum“ stammt? Hat sie mit ihm geplaudert? Sich seine Papier zeigen lassen? —, galt das nicht von vornherein als die Schmälerung der Glaubwürdigkeit, die es hätte sein müssen, sondern umgekehrt, die Unantastbarkeit weiblicher Vorwürfe machte aus rassistischen Phantasien Fakten ethnisch markierter Kriminalität.
Es gilt als unumstößliches Dogma, dass Behauptungen von Frauen, sie seien belästigt oder vergewaltigt worden, nie in Frage gestellt werden dürfen, weil das natürlich hieße, Opfer zum Schweigen zu bringen und sie auf diese Weise quasi zum zweiten Mal zu vergewaltigen. Dadurch wird jeder Vorwurf zum Fall. Und wenn Ermittlungen dann keine Beweise erbringen oder ein Gericht niemanden verurteilt, dann ist das offensichtlich Teil der Verschwörung des Patriarchats zur Unterdrückung von Frauen. Gerade die Unerweislichkeit von Fakten wird so zum Beweis ihrer Evidenz.
Genau das nach „Köln“ passiert. Weder wurden massenhafte sexuelle Übergriffe gegen Frauen belegt noch gab es eine dem entsprechende Vielzahl von Verurteilungen. Und wenn überhaupt jemand verurteilt wurde, dann nicht für das, wofür „Silvesternacht von Köln“ steht, sondern wegen Kleinkriminalität oder Vergehen, die mit den angeblichen Ereignissen nichts zu tun hatten.*
Das ändert aber nichts daran, dass das Phantasma bestehen bleibt. In den auf die berüchtigte Silvesternacht folgenden Silvesternächten, als gezielt mehr Polizei und mehr mediale Aufmerksamkeit zum Einsatz kam, wunderte man sich, dass nicht passierte. Man suchte daraufhin nach Erklärungen und schrieb die wundersamen Nichtereignisse einem geänderten Einsatzplan der öffentlichen Kontrolle und Gewalt zu, weil man nicht zugeben konnte, dass einfach dasselbe passiert war, wie damals auch: eigentlich nichts.
Gewiss, wo viele Menschen ausgelassen auf einander treffen, wird es immer zu Taschendiebstahl, Rempelei, sexueller oder anderer Belästigung kommen. Aber das, wovon das Phantasma spricht: massenhafte und womöglich im voraus verabredete sexuelle Gewalt dunkelhäutiger Männer gegen deutsche Frauen — das fand nicht statt.
Solches zu sagen, ist verpönt. Wer „Köln“ leugnet ist fast wie jemand, der „Auschwitz“ leugnet. (Mit dem Unterschied freilich, dass „Auschwitz“ historisch durch und durch erforscht ist, während „Köln“ eine journalistische Seifenblase ist und bleiben wird.) Wer sagt, damals sei nichts passiert, was den rassistischen Diskurs, der sich daran knüpft, in irgendeiner Weise rechtfertigt, dem kann jederzeit mit der Keule der Frauenfeindlichkeit eins übergebraten werden. Denn die führenden Feministinnen in Deutschland haben sich zusammen mit dem Heer ihrer Helfershelfer dafür entschieden, lieber Rassismus zuzulassen, als die Möglichkeit zuzugeben, dass bei irgendeiner Gelegenheit Frauen einmal nicht unterdrückt worden wären.
Frauen sind als Frauen ja bekanntlich geradezu dadurch definiert, dass sie unterdrückt werden, dass sie auf vielfältige Weise Opfer sind. Opfer von Männern natürlich, von wem denn sonst. Erschwerend kommt hinzu, dass Frauen sich nicht wehren können, jedenfalls nicht mit Taten, sondern allenfalls mit Worten, und auch das nur im Nachhinein. Der Gedanke, dass Frauen für ihr Wohl und wehe in bestimmten Ausmaß selbst verantwortlich sind, ist undenkbar, weil frauenfeindlich: Man darf Frauen nicht abverlangen, dass sie sich vorher überlegen, wann sie wo mit wem bei welcher Gelegenheit zu welcher Uhrzeit wie unterwegs sind. Man darf Frauen nicht abverlangen, keine falschen Signale auszusenden. (Auch nur anzudeuten, eine den Körper entblößende und Geschlechtsmerkmale betonende äußere Erscheinung einer Frau könne auf ihre sexuelle Kontaktfreudigkeit hinweisen, ist gleichbedeutend damit, Frauen die Schuld an den gegen sie verübten Verbrechen zu geben, und ist also selbst ein Verbrechen. Frauen kleiden und schminken sich wie Sexarbeiterinnen, weil es ihnen gefällt, und nicht etwa, weil sie für Männer attraktiv sein wollen.)
Man darf Frauen auch nicht abverlangen, unerwünschte Avancen unzweideutig zurückzuweisen und Übergriffigen auf die Finger zu klopfen. Man darf Frauen nämlich überhaupt nicht abverlangen, sich zu wehren. Bekanntlich sind ja alle Frauen jedem Mann physisch unterlegen und damit schutzlos ausgeliefert (und sie begleitende Männer dürften immer wie gelähmt den Untaten ihrer Geschlechtsgenossen zusehen müssen). Da es ja offensichtlich keinerlei Möglichkeiten für Frauen gibt, speziell für sie eingerichtete Selbstverteidigungskurse zu besuchen, und Frauen zudem der Gedanke fern liegen muss, ihre ständige Furcht, zum Opfer männlicher Gewalt werden zu können, statt mit rosarot markierten Frauenparkplätzen, Frauenzugsabteilen und anderen Schutzzonen, besser mit dem Besuch besagter Kurse zu bekämpfen, wissen sie auch nichts vom Tritt in die Eier oder anderen, elaborierteren Tricks, mit denen körperlich Unterlegene beliebige Angreifer womöglich abwehren können. Und leider wird ja auch zum Beispiel kein Pfefferspray in Deutschland verkauft. Auch um Hilfe rufen kann keine Frau, schon gar nicht in einer Menschenmenge. Kurzum, Frauen können auf männliche Gewalt gar nicht anders als mit Duldungsstarre reagieren, um dann Stunden, Tage, Jahre oder Jahrzehnte später daraus zu erwachen und nach viel Seelenpein dann endlich den Mut zu finden, haarklein zu erzählen, was ihnen Schlimmes passiert und wer daran schuld ist.
Und ihnen muss, das weiß man, geglaubt werden. Da sie a priori Opfer sind, muss es auch a priori Täter geben. Also Männer. Und je deutscher das Opfer, desto undeutscher der Täter. Nun wäre ja der bei den „Ereignissen der Kölner Silvesternacht“ als Täter identifizierte orientalische Mann eigentlich auch ein Opfer. Zum einen, weil er eben einer falschen, nämlich auf aktuellem westlichem Stand befindlichen kulturellen Prägung und Vergesellschaftung unterlegen ist, die ihm ein zusätzliches Tätertum aufzwingt (nämlich zusätzlich zum bloßen Mann sein als zumindest potenzielles Tätertum). Zum anderen durch das ja besonders hervorgehobene Merkmal seine Aufenthaltsstatusses. Denn wer wäre mehr Opfer als jemand, der aus Krieg und Elend fliehen musste und womöglich nur das nackte Leben retten konnte? Oder der zumindest aus einem Land stammt, in dem wirtschaftliche Not ohne Aussicht auf Besserung herrscht, und der hier Aufnahme gefunden hat, um ein neues, womöglich besseres Leben zu beginnen? Aber gerade sein Flüchtlingsein, seine Herkunft aus der Fremde wird gegen den Aufgenommenen gewendet. Gerade deswegen soll er härter und im Grunde doppelt bestraft werden: Während dem deutschen Mann für dieselbe Tat nur Geld- oder Haftstrafe drohen, soll, so eine weit verbreitete Forderung, der straffällig gewordene nichtdeutschen Mann außerdem deportiert („abgeschoben“), also ganz zum Verschwinden gebracht werden. Es gibt, soweit ich sehe, im Deutschen nur zwei wiederkehrende Wendungen, in denen etwas „verwirkt“ wird. Nämlich einmal „das Gastrecht“, zum anderen, altertümlich und seit Abschaffung der Todesstrafe nicht mehr gebräuchlich, „das Leben“: Wenn also, wie es bei jedem sich bietenden Anlass geschieht, nachdrücklich gesagt wird, jemand habe durch das und das „sein Gastrecht verwirkt“, so arbeitet im Unbewussten womöglich die Assoziation „sein Leben verwirkt“.
Und darum geht es ja letztlich bei Rassismus (frei nach Foucault formuliert): Die müssen sterben, damit wir leben können. Dazu muss jeder, der in Frage kommt daran glauben, dass die uns an Leib und Leben bedrohen, weshalb es zulässig ist, sie zu markieren, zu diskriminieren, zu kriminalisieren, zu entrechten, zu entwürdigen, zu deportieren usw. usf. Weil aber die Realität keine ausreichende Bedrohung (oder überhaupt eine) hergibt, muss sie erfunden werden. Möglichst so, dass sie unwiderleglich erscheint.
Genau dafür steht das Gespenst des „Silvesternacht von Köln: Für eine Verbindung von hegemonialem Feminismus und hegemonialem Rassismus zu einem geschlossenen Narrativ, bei dem das eine Element das andere stützt: Weil Frauen ihre Vorwürfe immer zu Recht erheben, sind die nichtdeutschen Männer schuldig; weil Männer aus dem Orient frauenfeindlich sind, sind Frauen Opfer.
Dass Rassismus widerlich ist, steht hoffentlich außer Frage. Als nicht weniger abstoßend aber hat doch wohl ein Feminismus zu gelten, der das emanzipatorische Ziel aufgeben hat, dass Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht dieselben Recht und Pflichte haben und dass sie unabhängig von dem ihnen zugeschriebenen oder von ihnen behaupteten Geschlecht denselben Zugang zu gesellschaftlicher Teilhabe haben müssen. An die Stelle von Emanzipation in diesem Sinne wird der Anspruch auf Sonderrechte für Frauen erhoben, die als das besonders bedrohte und unterdrückte und darum besonders schützens- und förderungswerte Geschlecht zu gelten hätten. Feminismus ist dann nicht mehr emanzipatorisch, sondern reaktionär, weil er statt Gleichheit und deren Durchsetzung die Anerkennung von Ungleichheit und Ungleichbehandlung fordert. Das tatsächlich bestehende Unrecht wird auf diese Weise zum beliebigen Beleg, zur Bestätigung von Vorurteilen, und soll nicht mehr beseitigt, sondern bloß mit umgekehrtem Vorzeichen verewigt werden. Frauen werden zugleich auf ihren Opferstatus festgelegt und dieser als Herrschaftsmittel ausgebaut: Ich bin eine Frau, also werde ich unterdrückt, also muss ich Vorrechte haben, nicht etwa als Ausgleich bestehender Ungleichbehandlung bis zur Erreichung von Gleichbehandlung unabhängig von Geschlechtszugehörigkeit, sondern mit dem erklärten Ziel dauerhafter Ungleichbehandlung als unmissverständlicher Anerkennung meines Frauseins.
Nein. Frauen haben dasselbe Recht, sich gegen Übergriffe, sexuelle und andere, zu wehren wie Männer. Sie haben auch dieselbe Pflicht, im öffentlichen Raum Umsicht und Vorsicht walten zu lassen und Vorkehrungen für die eigene Sicherheit zu treffen. Sie haben nicht mehr Recht, von Veranstaltern, Betreibern oder der Polizei geschützt zu werden, als Männer. Sie können genauso wenig wie Männer verlangen, dass öffentliche Zurschaustellung kein Publikum findet und dass bestimmte Selbstdarstellungsformen nicht als Zurschaustellung gewertet werden. Frauen sind im journalistischen Diskurs und vor Gericht nicht glaubwürdiger als Männer. Wenn Frauen Opfer von Straftaten geworden sind, müssen sie diese genauso anzeigen wie Männer, wenn sie wollen, dass diese Straftaten verfolgt werden, und sie müssen sich genauso wie Männer damit abfinden, wenn Ermittlungen oder Urteile nicht das Erwartete oder Erhoffte ergeben.
Emanzipatorisch gesagt: Frauen dürfen sich nicht darin einrichten, von Männern angeblich immer als Objekte des Begehrens oder der Ausbeutung behandelt zu werden und diese Behandlung durch ihr Verhalten auch noch entgegenkommen, wenn sie nicht anders behandelt werden wollen als Männer. Oder aber ihr „Feminismus“ ist nichts anderes als ihr unverzichtbarer Beitrag zum „Patriarchat“, das dann freilich wohl eher als verdecktes Matriarchat zu gelten hätte, in dem die Männer auf ihre Rolle als (strukturell heterosexuelle) Schurken verpflichtet sind, während Frauen gleichsam die verfolgte Unschuld geben und Privilegien nützen können (wie etwa vom Einkommen von Männern zu leben), ohne dadurch zu irgendetwas verpflichtet zu werden.


* „Im Januar 2016 wurden drei beteiligte nordafrikanische Asylbewerber wegen Diebstahls zu Bewährungsstrafen zwischen 3 und 6 Monaten und einer Jugendstrafe verurteilt. […] Bis Juli 2016 wurden zu den Sexualdelikten in Köln lediglich zwei Männer zu Bewährungsstrafen verurteilt. […] Bis August 2016 wurden 14 Täter rechtskräftig verurteilt. Nach Angaben der Kölner Staatsanwaltschaft konnte der Aufenthaltsstatus von lediglich 133 der bis dahin 286 Beschuldigten geklärt werden. […] Bis Oktober 2016 gab es vor dem Kölner Amtsgericht 19 Verhandlungen gegen 22 Angeklagte. Dabei wurden Strafen zwischen 480 Euro Geldstrafe und 20 Monaten Haft ohne Bewährung verhängt. Wegen sexueller Nötigung wurde lediglich in einem Verfahren verurteilt, in einem weiteren wegen Beleidigung auf sexueller Grundlage durch Grapschen. Die meisten anderen Anklagen erfolgten wegen Diebstahlsdelikten. Bei den Angeklagten handelte es sich überwiegend um Nordafrikaner. Elf Verfahren waren rechtskräftig abgeschlossen, gegen acht Urteile wurden Rechtsmittel eingelegt. Vier weitere Verfahren endeten ohne Gerichtsverhandlung mit Strafbefehlen. Im Zusammenhang mit der Silvesternacht waren rund ein Dutzend weiterer Verfahren anhängig. Bis Ende November 2016 wurden nach Angaben des nordrhein-westfälischen Innenministeriums nach insgesamt 1205 Strafanzeigen nur sechs Täter verurteilt, einer davon noch nicht rechtskräftig. Das Amtsgericht Köln verhängte Freiheitsstrafen zwischen sechs Monaten und einem Jahr und neun Monaten, die meisten davon zur Bewährung. Viele Verfahren wurden eingestellt, nachdem kein Tatverdächtiger ermittelt werden konnte.“ (Wikipedia, Eintrag „Sexuelle Übergriffe in der Silvesternacht 2015“)

Samstag, 27. Januar 2018

Eine kleine Theodizeeverweigerung

Wie kann Gott das alles zulassen? Wie kann er zulassen, dass kleine Kinder an Hunger krepieren, dass völlig unschuldige Menschen in Kriegen zerfetzt und verstümmelt werden, dass Krankheiten, die eigentlich behandelbar wären, Unzählige dahinraffen? Wie kann Gott zulassen, dass Menschen in Elend und Not leben und ohne Aussicht auf Besserung? Wie kann Gott Ausbeutung und Umweltzerstörung zulassen, wie all den Hass und all die Hetze? Warum lässt Gott zu, dass Menschen einsam und unglücklich sind, dass sie Krebs bekommen oder bei einem Autounfall sterben? Wieso gibt es Erdbeben, Vulkanausbrüche und Überschwemmungen? Wie kann es all das Unrecht und Leid auf der Welt geben, wenn es einen gerechten und liebevollen Gott gibt? Wenn er nichts dagegen tun kann, wie kann er dann allmächtig sein? Wenn er nichts dagegen tun will, wie kann er dann gut sein?
Ich finde all diese Fragen, ehrlich gesagt, ziemlich dreist. Sieht man sich die Übel dieser Welt nämlich genauer an, so erkennt man: In erster Linie sind es Menschen, die anderen Menschen Leid zu fügen. Menschen sind es, die Menschen töten, verstümmeln, quälen, entrechten, entwürdigen. Menschen sind es, die Menschen ausbeuten und unterdrücken, die einander belügen und bestehlen, die systematisch die Umwelt zerstören und mit Techniken hantieren, deren Risiken sie nicht beherrschen können. Menschen führen ihr Leben so, dass sie (und andere) krank werden, Unfälle haben, einsam sterben. Menschen bauen Häuser, die bei Erdbeben zusammenbrechen, Menschen siedeln am Rand von Vulkanen oder in Überschwemmungsgebieten. Dass sie all nicht immer ganz freiwillig tun, sei unbedingt zugestanden, aber auch dann sind es letztlich Menschen, die andere Menschen unmittelbar und mittelbar dazu zwingen, unter Bedingungen zu leben, die sie gefährden, schädigen oder töten.
Und da traut man sich im Ernst zu fragen, wieso Gott das zulässt? Er lässt es zu, weil er den Menschen einen freien Willen und ein Gewissen geschenkt hat, sodass sie handeln und ihr Handeln beurteilen können. Handlungen aber haben nun einmal Folgen. Und zwar nicht nur für den Handelnden. Wenn die einen ein Atomkraftwerk ans Meer bauen, um Profit damit zu machen, werden andere verstrahlt, wenn ein Tsunami über das Atomkraftwerk hinwegschwappt. Das ist nicht gerecht, das ist böse. Aber es sind Menschen, die etwas getan und gelassen haben, es waren ihre Entscheidungen, die zu bestimmten Folgen geführt haben. Verlangt man nun von Gott, dass er die Menschen am Handeln hindert? Dann wären sie keine Menschen, sondern Marionetten. Verlangt man von Gott, dass er nur gute Handlungen zulässt, aber böse verhindert? Dann wären die Menschen unfrei. Verlangt man von Gott, dass er zwar alle Handlungen zulässt, aber alle bösen Folgen verhindert? Dann lebten die Menschen nicht in der Wirklichkeit.
Ich bringe zur Veranschaulichung gern dieses Beispiel: Wenn ich einen Nagel in die Wand schlagen will und mir dabei mit dem Hammer sehr schmerzhaft auf den Daumen haue, wäre es ja wohl lächerlich zu fragen: Warum hat Gott das zugelassen? Ich muss es offensichtlich meinem eigenen Ungeschick zuschreiben, dass ich mir Schmerz zugefügt habe. Da geht es um etwas Prinzipielles: Wenn ich akzeptiere, dass die Welt so eingerichtet ist, dass ich mit ein wenig Geschick einen Nagel in eine Wand schlagen kann, dann muss ich auch akzeptieren, dass mein Ungeschick dazu führen kann, dass ich nicht den Nagel, sondern den Daumen treffe. So ist die Welt nun einmal eingerichtet, es sind dieselben physikalischen Voraussetzungen, auf die ich vertraue. Ich akzeptiere sie, wenn ich etwas kann und etwas klappt, also kann ich mich nicht bei ihrem Schöpfer beschweren, wenn etwas durch mein Unvermögen nicht klappt.
Dasselbe gilt, wenn jemand anderes für mich den Nagel hält, den ich einschlagen will, und ich den Daumen dieser anderen Person treffe. Für deren Schmerz bin ich verantwortlich, auch wenn ich ihn ganz bestimmt nicht wollte. Ihr widerfährt Leid, ohne dass sie daran schuld wäre. (Obwohl sie den Nagel vielleicht besser nicht gehalten hätte, aber vielleicht habe ich sie gezwungen oder überredet.) Wie lächerlich wäre es nun, in einer solchen Situation anklagend auszurufen: Gott, wie konntest Du zulassen, dass ich jemandem mit dem Hammer kräftig auf den Daumen haue!
Zweifellos gibt es unzählige Fälle, deren Dimension mein Nagel-Hammer-Daumen-Beispiel vielfach übersteigt. Der Tod eines Kindes oder sonst eines geliebten Menschen an einer Krankheit oder bei einer Naturkatastrophe. Wer solches miterleben muss, den wird es aus der Bahn werfen, das ist nur zu verständlich. Und verständlich ist es auch, wenn in Schmerz und Verzweiflung dann der Gedanke auftaucht: Wie konnte Gott das zulassen?
Wenn jemand als Opfer eines Verbrechens oder eines fahrlässig herbeigeführten Unfalls stirbt, dann gibt es eindeutig jemanden der an dem Unglück schuld ist, auch wenn man ihn nicht kennt, auch wenn der Schuldige das Unglück nicht beabsichtigt hatte. Wie aber soll man damit umgehen, wenn es keinen erkennbaren Schuldigen gibt? Wenn ein Kind krank wird, die Ärzte ihr Möglichstes tun, aber das Kind trotzdem stirbt? Wenn ein Bergabhang plötzlich ins Rutschen gerät und Menschen unter sich begräbt? Die Hinterbliebenen werden außer Trauer wohl auch Wut verspüren, denn was da geschah, ist nicht gerecht, niemand kann etwas dafür, am wenigstens die Toten. Jeder kann verstehen, wenn in einer solchen Situation mangels eines anderen Schuldigen Gott angeklagt wird. Immerhin hat er die Welt eingerichtet, wie sie ist. Eine Welt, in der es Viren und Erbkrankheiten gibt, giftige Tiere und Pflanzen, Wirbelstürme, Sturmfluten, Erdrutsche und Erdbeben, Vulkanausbrüche, Waldbrände. Und schlechte Menschen.
Nicht immer ist menschliches Handeln als Ursache von Unglücksfällen erkennbar. Aber es ist auch nie weit entfernt. Nur dass es für die Eltern eines toten Kindes kein Trost ist, ihnen zusagen: Hättet ihr das Kind nicht gezeugt, hätte ihr ihm nicht euer Erbgut mitgegeben, es nicht bestimmten Umweltgiften ausgesetzt usw., dann wäre es nicht gestorben, weil es nie gelebt hätte. Und für die, die Angehörige und Freunde bei einer Naturkatastrophe verloren haben, ist es kein Trost, ihnen zu sagen: Hätten sie sich anderswo aufgehalten, könnten sie noch leben. Die Folgen menschlichen Tun und Lassens können so komplex und unüberschaubar sein, dass zwischen Handlung und Folge sehr oft gar kein Zusammenhang mehr erkennbar ist. Und vieles ist ja auch tatsächlich von Menschen nicht oder nicht zielgerichtet beeinflussbar. Die Welt ist nicht unserem Willen unterworfen. Was wir an ihr gestalten können, ist nur ein Teil von ihr. Was wir bewirken, übersehen und verstehen wir oft nicht. Die Ursachen dessen, was uns widerfährt, bleiben uns meist verborgen.
Ist also Gott an allem schuld, weil er die Welt geschaffen hat und sie erhält? Was für ein merkwürdiger Gedanke. Hätte aus dieser Sicht Gott die Welt nicht schaffen sollen? Wenn es keine Menschen gäbe, könnte ihnen auch nichts Schlimmes passieren … Oder hätte Gott die Welt anders einrichten solle? Wie hätten wir sie den gern? So, dass alle lieb und nett zueinander sind und böse Taten keine böse Folgen haben? Nun, es ist ja aber gerade so, dass Gott, der Ursprung alles Guten, will, dass wir Gutes tun und Böses lassen. Er überlässt es allerdings uns, uns für das Richtige zu entscheiden, und hindert uns nicht, wenn wir eine falsche Wahl treffen. Ließe er uns nicht diese Freiheit, so wären wie eben nicht frei zum Guten, sondern, wie gesagt, Gottes Marionetten, oder, modern gesprochen, Roboter, die darauf programmiert sind, etwas zu tun, was sie „wollen“ müssen, also nicht wirklich wollen, sondern bloß willenlos ausführen.
Das Böse ist das, was nicht sein soll. Der Widerspruch zwischen dem, was sein soll, und dem was nicht sein soll, bedingt das Leid. Gott liebt jeden einzelnen Menschen und will nur sein Bestes. Gott will, dass es den Menschen gut geht, er will nicht, dass Menschen hungern und dürsten, frieren, Schmerzen haben, einsam sind usw. usf. Dass ihnen das alles trotzdem widerfährt, ist nicht Gottes Wille. Wie er am Ende der Zeiten, wenn diese Welt ein Ende hat und gerichtet wird, den Widerspruch zwischen seine Willen zum Guten einerseits und andererseits der Freiheit des Menschen, die zu Unheil missbraucht werden konnte, auflösen wird, können und müssen wie ihm überlassen. Das ist der Gegenstand der christlichen Hoffnung: Dass am Ende alles gut gewesen sein wird.
Bis dahin sollten uns angesichts all des Grauens in der Welt, all der Ungerechtigkeiten, all des Leidens, an der eigenen Nase fassen: Wie nütze ich meine Freiheit? Was an meinem Tun und Lassen ist gut, was ist schlecht? Was widerfährt durch mein Handeln anderen unmittelbar und, soweit ich weiß, mittelbar? Und wir sollten, außer Selbstkritik, durchaus auch Kritik üben: Was tun Menschen Menschen (und ihrer Umwelt) an? Welche Politik hat welche Folgen? Welche Strukturen reproduzieren immer und immer wieder dasselbe Unglück? Welche Institutionen könnten das verhindern? Was lässt sich ändern? Was muss sich ändern? Was ist Gottes Wille?
Gott braucht sich vor den Menschen nicht zu rechtfertigen. Er macht alles richtig. Er beruft uns dazu, selbst auch Richtiges zu tun. Er weiß, dass wir fehlbar sind, schwach und manchmal einfach bösartig. Er kommt uns zu Hilfe. Er bietet uns Vergebung an und befreit uns von Bösem, das uns zu verführen und verderben droht. Christen sagen: Jesus Christus, Gottes Sohn, hat uns durch Tod und Auferstehung ein für alle Mal losgekauft („erlöst“) von der Sünde, also von dem Tun und Lassen, das nicht sein soll, von dem, was wir selbst falsch machen, wie auch von dem, was andere für uns falsch gemacht haben („Erbsünde“). Durch Gott hat das Übel in der Welt nicht das letzte Wort.
Warum Gott etwas zulässt? Die Frage ist falsch gestellt. Sie will darauf hinaus, Gott zur Rede zu stellen und letztlich in Abrede. Darum empfehle ich die Gegenfrage: Welchen Gott lassen wir zu? Und was hieße es wirklich, Gott nicht zuzulassen? Wenn es Gott nicht gäbe, könnten wir dann überhaupt das, was sein soll, von dem unterscheiden, was nicht sein soll? Es ist doch dann einfach alles, wie es ist. Wie erklären wir aber in dem Fall das Leid, das uns und anderen widerfährt? Wieso widerspricht dann da etwas, das Übel, dem, was eigentlich zu ein hätte, dem Guten?
Wenn es Gott nicht gäbe, gäbe es auch keine Chance, dass am Ende doch das Gute endgültige Wirklichkeit wird, dann wären die Übel dieser Welt unaufhebbar, kein Leidender könnte ehrlich getröstet werden und die Toten blieben tot, als wären sie nie lebendig gewesen. Eine solche Welt will jemand?
Dass Unrecht geschieht und Menschen leiden, ist unbestreitbar. Unbestreitbar ist aber auch, dass das zum Himmel schreit und der Himmel nicht stumm ist. Gottes Antwort ist schon im Voraus gegeben: Ich bin für euch da. Auch wenn es euch in der Dunkelheit eures Daseins anders scheint. Ich bin inmitten eures Unglücks bei euch, und euer größtes Unglück wäre es, nicht an mich zu glauben und daran, dass das Heil über das Unheil triumphieren wird.
Statt also mit eine gewissen Überheblichkeit zu fragen, warum Gott etwas zulässt, das mir falsch erscheint, sollte ich Gott demütig darum bitten, das ich nicht zulasse, nicht mehr an seine Güte und Allmacht zu glauben. Wer nämlich versteht, von wem die Rede ist, wenn von Gott die Rede ist, wird davon Abstand nehmen, Gottes Handeln („Zulassen“ versus „Eingreifen“) mittels des endlichen menschlichen Verstandes beurteilen zu wollen, und sich damit bescheiden, auf Gottes Liebe zu vertrauen, auch gegen allen Anschein, gegen alle Anfechtungen, gegen alle Widersprüche. 
Das menschliche Vermögen reicht gerade aus, um die Gotteserfahrung im Glauben so weit auf den Begriff zu bringen, dass mit Gewissheit gesagt werden kann, dass Gott gut ist und das Gute will. Dafür, Gott vor ein imaginäres Gericht zu stellen, ihn anzuklagen und Rechtfertigung von ihm zu verlangen („Theodizee“ nennt man das in der Philosophie), reicht es bei Weitem nicht aus. Wer derlei dennoch versucht, überschätzt sich und geht notwendig in die Irre. Dass der Widerspruch von Gottes Willen und irdischer Realität von den Menschen schmerzlich erfahren wird, ist nur zu verständlich. Aber man darf sich von Trauer, Wut, Selbstmitleid nicht überwältigen lassen, sondern der halbwegs nüchterne Verstand muss sich der Anmaßung verweigern, den Widerspruch dem anzulasten, der allein ihn aufzulösen vermag. Gott ist gut und auf unserer Seite. Mehr geht nicht.
Wenn sie später mal sagen: Also Zeitgenosse war er ja keiner, würd’s mich freun.

Samstag, 20. Januar 2018