Donnerstag, 26. Dezember 2013

Vom Umtausch ausgeschlossen

Das erste Weihnachtsgeschenk war bekanntlich das Neugeborene in der Krippe im Stall zu Bethlehem. Erst später  gab es dann Weihrauch, Myrrhe und Gold. Und erst viel, viel später Anziehsachen, Unterhaltungselektronik und irgendwelche Gutscheine.
Das allererste Weihnachtsgeschenk war aber auch gleich das allergrößte: der Mensch gewordene Gott. Nicht wie die antiken Halbgötter ein bisschen Mensch und ein bisschen Gott, sondern ganz Gott und ganz Mensch. Ziemlich unwahrscheinlich und, nach dem Maß menschlichen Verstandes, wohl auch unmöglich, für die aber, die es glauben, trotzdem wahr.
Was für eine ungeheure Gabe: Gott wird Mensch, liefert sich den Menschen aus und kommt, man weiß ja wie die Geschichte weitergeht, nach einigem Hin und Her durch die Menschen zu Tode. Doch was mit Weihnachten beginnt, endet nicht am Karfreitag, sondern erfüllt sich an Ostern. Der Menschensohn, der Gottes Sohn ist, steht von den Toten auf und verheißt allen, die an ihn glauben, ewiges Leben.
Mit solch einem Geschenk können viele nichts anfangen. Sie möchten es nicht haben. Einen Gott? Danke, ich habe schon einen (Mammon, Ego, Cthulhu), das reicht mir. Einen Erlöser? Ich denke, ich warte auf den nächsten, mal sehen, was der drauf hat. Jungfrauengeburt, Kreuzestod, Auferstehung von denToten? Passt nicht zu meinem Lebensstil. Sündenvergebung? Ich bin doch eh ganz okay. Ewiges Leben? Erst einmal sterben, dann sehen wir weiter, aber vorerst lebe ich ja noch.
Weihnachten heißt: Gott schenkt sich den Menschen. Man könnte meinen, wer die Annahme verweigere, schade nur sich selbst. Aber so, wie man Gott nur behalten kann, wenn man ihn weitergibt, so nimmt, wer Gott nicht akzeptiert, ihn auch anderen weg. Wir hängen alle, im Guten wie im Bösen, miteinander zusammen. Wird Gott nicht weitergeschenkt, gibt es ihn nicht. Denn sein Dasein verwirklicht sich im Dasein der Menschen für einander. Gott, der Sinn des Ganzen und der Ursprung alles Guten, gibt sich, schenkt sich her, als unverdiente Gabe, zu der keine Gegengabe möglich ist — was wäre denn angemessen? —, die aber Weitergabe verlangt. Gott hat nichts davon, wenn an ihn geglaubt wird, aber die Menschen verlieren das Wesentliche, wenn sie einander nicht ein Leben mit Gott ermöglichen.
Wer Gott, aus welchen Gründen auch immer, nie bekommen hat, kann nichts dafür. Wenn er aber benachrichtigt wurde und sich nicht weiter darum gekümmert hat, ist er selbst schuld. Wem Gott schon etwas verschmutzt oder beschädigt zugestellt wurde, ist noch am ehesten entschuldigt, wenn er ihn nicht haben will.
Viele aber haben das Geschenk sehr wohl erhalten, oft in durchaus passablem Zustand, aber es nie wertgeschätzt und möchten es am liebsten umtauschen. Gegen irgendwelche bequemen Überzeugungen oder eine noch bequemere Überzeugungslosigkeit. Sie fühlen sich gestört, das Geschenk ist ihnen im Weg, es stellt Forderungen, das ist lästig. Darum erklären sie es für wertlos. Sie können gut und gern darauf verzichten, meinen sie. Nicht sie hätten sich gegenüber dem Geschenk zu rechtfertigen, sagen sie, sondern das Geschenk gefälligst vor ihnen. Schließlich haben sie es nicht bestellt.
Aber Gott ist vom Umtausch ausgeschlossen. Er bleibt. So zu tun, als gäbe es ihn nicht, schafft ihn nicht ab. Er ist Missachtung gewohnt. Er hat schon Schlimmeres mitgemacht als den gewöhnlichen Alltagsatheismus der Leute. Keine Verleugnung, keine Verdrängung, keine Verfolgung konnte ihn loswerden. Dass man schlecht von ihm spricht oder auf falsche Weise gut, ändert nichts an seinem Wert. Der ist unendlich und unbegreiflich.
Gott hat sich ein für alle Mal den Menschen geschenkt, daran kann nichts etwas ändern. Nur der einzelne Mensch kann etwas verändern, nämlich sein Leben und damit jedes andere Leben. Er kann die Gabe annehmen und weitergeben oder darauf verzichten. Dann aber hat er gar nichts, jedenfalls nichts, was bleibt, nichts, was standhält in einer Welt voller Schwäche und Bosheit, nichts, was dem Nichts widersteht.

Montag, 25. November 2013

Vermischte Meldungen (12)

Es wird gemeldet: „Ehebrecher sollen wieder gesteinigt werden. Das Justizministerium in Kabul hat einen entsprechenden Gesetzentwurf ausgearbeitet. Menschenrechtler sind entsetzt.“ Weil Ehebruch ein Menschenrecht ist?

                                                              * * *

Es wird gemeldet: „Die britische Armee hat eine neue Richtlinie: Soldatinnen dürfen nun kürzere Schritte machen als ihre männlichen Kameraden.“ Es ging ja auch ausdrücklich immer bloß um Gleichstellung, nicht um Gleichschritt. (Wie das jetzt bei einer Parade wohl aussieht, wenn Männer und Frauen zwar zusammen, aber mit geschlechtsspezifischem Schritt marschieren …)

                                                             * * *

Es wird gemeldet: „90 Prozent der Ägypterinnen sind beschnitten. Erst langsam lernen die Frauen, dass die Genitalverstümmelung eine Menschenrechtsverletzung ist.“ Das muss man erst lernen? Von wem eigentlich?

Freitag, 22. November 2013

Aufgeschnappt (bei einem Anglikaner)

Unter all den schwierigen Menschen bei dir zu Hause oder am Arbeitsplatz gibt es nur einen einzigen, den du wirklich ändern kannst. Bei dem musst du ansetzen.

Es gibt ein Verlangen in uns, das in dieser Welt nie gestillt werden kann. Auf dieser Erde bleibt immer ein Rest von Enttäuschung.

Wenn ich in mir eine Sehnsucht spüre, die durch keine Erfahrung der Welt gestillt werden kann, ist die wahrscheinlichste Erklärung dafür, dass ich für eine andere Welt geschaffen wurde.

Der eine Grundsatz der Hölle lautet: Ich gehöre mir selbst.

Wenn Liebe ein Segen und nicht eine Qual sein soll, muss sie sich an den einzigen Geliebten halten, der nie vergehen wird.

Lieben heißt verletzlich sein. Liebe irgendetwas, und es wird dir bestimmt zu Herzen gehen oder gar das Herz brechen.

Lieben heißt verletzlich sein. Außerhalb des Himmels gibt es nur einen einzigen Ort, wo man vor allen Gefahren und Unruhen der Liebe geschützt ist — die Hölle.

Die Gegenwart Gottes können wir zwar missachten, aber nirgends können wir ihr entgehen.

Das Schlimmste, was wir Gott angetan haben, ist, ihn in Ruhe zu lassen.

An Gottes Dasein glauben heißt: ich stehe nicht mehr vor einem Argument, das meine Zustimmung verlangt, sondern vor einer Person, die mein Vertrauen fordert.

Man muss von vornherein mit der Vorstellung brechen, Gott wolle uns einem Examen unterwerfen und wir könnten gute Noten erhalten.

Es kommt nicht darauf an, wie wir über Gott denken. Was Gott über uns denkt, ist unendlich viel wichtiger.

Ich glaube an das Christentum, so wie ich glaube, dass die Sonne aufgegangen ist, nicht nur weil ich es sehe, sondern weil ich dadurch alles andere sehen kann.

Das ist einer der Gründe, weshalb ich an das Christentum glaube: Es ist eine Religion, die man sich nicht hätte ausdenken können.

Würde uns das Christentum ein Weltbild vermitteln, das genau unseren Erwartungen entspricht, so würde ich das Christentum für eine menschliche Erfindung halten.

Der christliche Glaube spricht überhaupt nicht von einer menschlichen Suche nach Gott, sondern von dem, was Gott für den Menschen getan hat.

Es ist doch nicht die Frage, was wir mit Christus anfangen sollen, sondern es geht einzig darum, was er mit uns anfangen möchte.

Wenn Christentum nichts anderes bedeutete als noch ein bisschen guter Ratschläge mehr, dann wäre es von unerheblicher Bedeutung.

Das zentrale, von den Christen bezeugte Wunder ist die Inkarnation: Gott ist Mensch geworden.

Der Kernpunkt des christlichen Glaubens besteht darin, dass uns der Tod Christi irgendwie mit Gott versöhnt und die Möglichkeit zu einem Neubeginn gegeben hat.

Als Christus starb, starb er für jeden einzelnen von uns, als ob jeder der einzige Mensch auf dieser Welt wäre.

Ein Geschöpf, das die Erlösung verdiente, bedürfte keiner Erlösung.

Wer wahrhaft mit Gott verbunden ist, der wird es auch mit seinen Mitmenschen sein.

Es gibt keine gewöhnlichen Menschen. Es sind Unsterbliche, mit denen wir scherzen, arbeiten, verheiratet sind, die wir kurz abfertigen und ausbeuten.

Wir sollen uns nicht lange fragen, ob wir unseren Nächsten lieben, sondern wir sollen handeln, als ob wir ihn lieben.

Freundschaft ist das Werkzeug, mit dem Gott jedem die Schönheiten der anderen offenbart.

Freundschaft beginnt, wenn einer zu anderen sagt: Was denn, du auch? Ich dachte, ich sei der einzige …

Freundschaft ist überflüssig, wie Philosophie, wie Kunst … Sie hat keinen Wert fürs Überleben, sie gibt dem Überleben Wert.

Nicht, was man nicht teilt, gehört einem wirklich.

War die Welt denn wirklich so gut zu dir, dass du sie mit Bedauern verlässt? Es liegt mehr vor uns als hinter uns.

Unser Vater erfreut uns mit manch angenehmem Gasthaus, aber er will uns nicht ermutigen, es fälschlich für unser Zuhause zu halten.

Wenn wir einmal das Angesicht Gottes sehen, werden wir erkennen, dass wir es schon immer gekannt haben.

Bis zur Auferstehung kommt für uns noch immer das Kreuz vor der Krone, und morgen ist Montag.             


C. S. Lewis (alle Zitate sind ohne Prüfung der Quellen dem Internet entnommen)

Dienstag, 29. Oktober 2013

Aufgeschnappt (bei einer Romanfigur)

Menschen sind von Natur phlegmatisch und unaufmerksam, und ohne Achtung sind sie auch. Wenn man einmal Gelegenheit sieht, sie zum Aufmerken aufzurufen, soll man sie ergreifen. (...) Und den Leuten ein klein bißchen Angt zu machen, das hat auch noch nie geschadet.

Der letzte Rittmeister (von Werner Bergengruen)

Mittwoch, 9. Oktober 2013

Neuzugang in der Gehenna

Er wird mir fehlen. Männer seines Formats sind selten geworden in unserer Zeit. Ovadia Yosef, der am 7. Oktober 93-jährig verstarb, war einer der großen intellektuellen Verbrecher des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts. Ein gewaltiger Hassprediger vor dem Herrn. In verschieden Oberrabiner-Funktionen und als geistliches Oberhaupt der an fast allen israelischen Regierungen der letzten zwei Jahrzehnte beteiligten ultra-orthodoxen Schas-Partei, gab er einem nicht unbedeutenden Teil des sephardischen Judentums Stimme, Profil und Richtung. Eine halbe Million Menschen soll ihn zu Grabe getragen haben.
Hier ein paar Kostproben aus seinem reichen theologischen Werk. Die von den Nazis und ihren Helfern als Juden und Jüdinnen ermordeten Menschen bezeichnete er als „wiedergeborene Sünder“: „Die sechs Millionen Holocaust-Opfer waren Reinkarnationen der Seelen von Sündern, Leute, die gegen das Gesetz verstoßen hatten und alle möglichen Dinge taten, die nicht getan werden dürfen. Sie wurden wiedergeboren, um zu büßen.“
Auch für den Hurricane Katrina mit seinen Tausenden von Opfern hatte Ovadia Yosef eine passende Erklärung: In New Orleans sei die Torah zu wenig studiert worden. („Black people reside there. Blacks will study the Torah? [God said], Let’s bring a tsunami and drown them … Hundreds of thousands remained homeless. Tens of thousands have been killed. All of this because they have no God …“) Als zusätzliche Erklärung gab er an, Katrina sei die Strafe Gottes gewesen für die US-amerikanische Unterstützung des israelischen Rückzugs aus dem Gaza-Streifen.
Gegenüber den Palästinensern nahm Ovadia Yosef eine klare Haltung ein. Er wünschte nicht nur allen, die Israel hassen, die Pest an den Hals, die Arabern als solche wollte er bei Gelegenheit ausgerottet sehen. Ebenso einige nichtarabische Muslime: „Möge Gott sie zerstören und vom Angesicht der Erde tilgen.“
Generell hatte Ovadia Yosef ein fest umrissenes Bild des Verhältnisses von Juden und Nichtjuden. „Die alleinige Bestimmung von Heiden [Nichtjuden] ist es, Juden zu dienen … Wozu sind Heiden gut? Sie werden arbeiten, sie werden pflügen, sie werden die Ernte einbringen. Wir werden dasitzen wie Effendis und speisen. Dazu wurden die Heiden erschaffen.“
Aber auch wenn im idealen Israel Ovadia Yosefs die Heiden gut behandelt werden würden — wie zum Beispiel Esel, die ja, so der Rabbiner, auch nicht zu früh sterben dürfen, wenn sie Nutzen bringen sollen —, hätte auch das Grenzen. Mit autoritativen Verlautbarungen erlaubte der Schriftgelehrte zwar unter anderem, dass Frauen Hosen tragen dürften, nicht aber dass jüdische Ärzte am Sabbat Nichtjuden behandeln; womit er übrigens in bester halachischer Tradition stand.

Dass Ovadia Yosef Homosexualität als "krank" und "pervers" bezeichnet und entschieden verwarf, braucht kaum erwähnt zu werden. Auch damit hielt er sich ja bloß an jahrtausendealte jüdische Überlieferung.
Zweifellos lehnen viele Juden und Jüdinnen Ovadia Yosefs theologische und politische Positionen mehr oder minder entschieden ab. Manche widersprachen ihm (zuweilen er sich auch selbst oder wurde „falsch zitiert“). Aber Ovadia Yosef war keineswegs eine isolierte und einflusslose Gestalt. Im Gegenteil, über Jahrzehnte galt er als die geistliche Autorität des sephardischen Judentums schlechthin, seine Bücher sind weit verbreitet, seine Auslegungen der verbindlichen Texte fanden Beachtung und wurden vielfach selbst verbindlich, seine die Zahl seiner Anhängerschaft ist Legion. Nicht, dass alle seiner Bewunderer einen lupenreinen ultra-orthodoxen Lebensstil pflegen, vielen genügt es wohl schon, sich an seiner kompromisslosen Haltung und seinen extremen Äußerungen zu erfreuen.
Ohne schlechtes Gewissen hassen zu dürfen, ist immer noch das erfolgreichste Angebot, dass die Bösewichter dieser Welt den Menschen machen können. Die Erlaubnis, im Namen der eigenen Religion, Ideologie, Partei, Klasse, Rasse usw. alle anderen bedenkenlos zu verachten, nach Möglichkeit wie Dreck zu behandeln oder bei Bedarf umzubringen, ist für viele verführerisch. Wer hört es also nicht gern, dass er einem auserwählten Herrenvolk angehört, das immer im Recht ist und dem sich alle anderen Völker (hebräisch gojim, auch als Heiden übersetzt) unterwerfen müssen?
Ovadia Yosef hat unzählige Menschen zum Bösen verführt. Er ist tot. Sein Gedankengut lebt. Möge er nicht in Frieden ruhen.

Dienstag, 1. Oktober 2013

Rechtsruck, welcher Rechtsruck?

Viele deutsche Medien wissen von einem Rechtsruck bei der Wahl zum österreichischen Nationalrat zu berichten. „Diese sogenannten Freiheitlichen haben 3,9 Prozentpunkte zugelegt. Und das, obwohl zwei kleine rechte Gruppierungen zusammen auch noch einmal zehn Prozent einsammeln konnten.“ So wie hier die Süddeutsche Zeitung kann man auch zählen. Aber das ist ein eine Milchmädchenrechnung mit Äpfeln und Birnen.
Warum bloß sind Journalistinnen und Journalisten so oft zu faul (oder zu ignorant), um sich die relevanten Zahlen genauer anzuschauen? Das ergäbe nämlich: Bei der Nationalratswahl 2008 konnten die beiden „post-haiderianischen“ Zwillingsparteien FPÖ und BZÖ zusammen 1.379.962 Stimmen auf sich vereinigen. Jetzt, bei der Wahl 2013, kommen sie zusammen auf 1.128.059 Stimmen. Das sind 251.903 Stimmen weniger! Die FPÖ konnte also nicht einmal die Verluste des BZÖ ausgleichen (übrigens auch in Prozent- und Mandatszahlen nicht). Und selbst wenn man noch die für das Team Stronach angegebenen Stimmen dazuzählt (wie es die Autoren in der Süddeutschen vorschlagen), kommt man „nur“ auf 1.396.738 Stimmen, also lediglich 16.776 mehr, als 2008 auf FPÖ und BZÖ entfielen. Das sind gerade 0,36 Prozent der gültig abgegeben Stimmen.
Ist das ein Rechtsruck? Sicher, wenn man immer nur auf die Prozentzahlen starrt wie Kaninchen auf die Schlange, dann ergibt sich ein anderes Bild. Aber ein verzerrtes. Denn die Prozente werden unter Vernachlässigung der Wahlbeteiligung errechnet — über den tatsächlichen quantitativen Zuspruch, den Parteien in der Bevölkerung finden, sagt das nichts aus. Und es werden ja auch immer 100 Prozent der Parlamentssitze vergeben. Aber selbst hier ergibt sich kein „Rechtsruck“: FPÖ und Team Stronach werden zusammen (vorerst) 51 Abgeordnete stellen (das BZÖ ist nicht im Nationalrat vertreten), 2008 hingegen gehörten noch 55 der Mandatare FPÖ und BZÖ an.
Um nicht missverstanden zu werden: Jede Stimme für Nazis, Rassisten, Rechtspopulisten und senile Ausbeuter ist eine Stimme zu viel. Es ist erschreckend, wie viele Menschen in Österreich menschenverachtenden Parteien wählen. Aber man muss auch die gute Nachricht gelten lassen: Die Zahl der Rechtswählerinnen und Rechtswähler in Österreich ist in fünf Jahren praktisch gleichgeblieben. Und das trotz verdummender Dauerberieselung. Ist das nichts?

Alle Zahlen nach http://wahl13.bmi.gv.at. (Einige Zahlen im Text wurden von mir am 4.10.2013 im Hinblick auf die Auszählung der Wahlkarten verändert. Die Aussagen blieben dieselben.)

Montag, 23. September 2013

Brav gewählt, Deutschland!

Keine Ahnung, wovon da bei den Damen und Herren vom journalistischen Kunstgewerbe die Rede ist. Weder war, wie man bis Sonntag behauptet hat, der Wahlkampf zuletzt spannend, noch ist, wie man seit Sonntag behauptet, der Wahlausgang überraschend. Zumindest nicht für mich. Seit Monaten habe ich vorausgesagt, was bei den Wahlen zum 18. Deutschen Bundestag herauskommen wird — und habe Recht behalten: Merkel bleibt Kanzlerin, es gibt eine (parlamentarische) Mehrheit links von der Union und die SPD wird Juniorpartnerin einer Großen Koalition.
Gut, offiziell muss Letzteres erst „verhandelt“ werden. (In Wahrheit steht es im impliziten Programm der Sozialdemokratie: Von zwei Möglichkeiten wähle immer die schlechtere.) Und zugegeben, ich hatte nicht vorhergesagt, dass CDU/CSU so knapp an der absoluten Mandatsmehrheit vorbeischrammen würden. Was ja freilich nur einen wahlrechtsbedingten Nebeneffekt des überaus erfreulichen, kaum zu erhoffen gewesenen Umstandes bildet, dass die FDP an der undemokratischen Fünfprozenthürde gescheitert ist. 
Von wegen „Leihstimmen“! Umgekehrt: Es wurde recyclt. Die Schwarzen können einen Teil, aber keineswegs alle Stimmen, die die Gelben nicht erhalten haben, für sich verbuchen. Zählt man nun freilich die Prozente für die bisherige Regierungskoalition zusammen, kommt man zwar für 2013 auf einen schwarzgelben Zugewinn von 1,9 Prozentpunkten. In absoluten Zahlen hingegen entfielen 2009 auf CDU, CSU und FDP zusammen 20.974.595 Zweitstimmen, 2013 jedoch (nach vorläufigen Ergebnis) nur noch 20.239.561. Weil aber von den schon erwähnten Damen und Herren journalistischen Gewerbetreibenden und all ihren „Experten" anscheinend kaum jemand rechnen kann (oder will oder darf), gilt die Regierungschefin als „Wahlsiegerin".
Was soll an all dem überraschend sein? Seit langem war klar, dass Schwarzgelb keine Mehrheit mehr zu Stande bringen wird, egal, ob die Liberalen es nun ins Parlament schaffen oder nicht. Und ebenso klar war, dass Rotgrün nicht stärker sein würde als Schwarz bzw. Schwarzgelb und Linke zusammen, mit anderen Worten: dass es eine rechnerische Mehrheit links von Merkel gibt.
Da nun sowohl SPD als auch Bündnis90/Die Grünen immer und immer wieder die Bildung einer rotrotgrünen Koalition ausgeschlossen haben, bleibt nur die Große Koalition. Denn so dumm, dass sie nicht lieber mit den folgsamen Sozen als mit den profilneurotischen Grünen klüngelt, ist „Mutti“ nun auch wieder nicht. Obwohl — eine bürgerliche Kleinpartei hat sie bereits verschlissen. Sollte sie, welch teuflischer Plan, doch Schwarzgrün ansteuern, um auch noch die zweite Gurkentruppe in den Orkus zu koalieren?
Ach was, ich vermute, die SPD wird bei Verhandlungen die Latte in vorauseilender Diensteifrigkeit so tief hängen, dass die Kanzlerin problemlos drüberhüpfen kann. Und wird dann vier Jahre lang an allem schuld sein, während Merkel sich die Lorbeeren in den Streuselkuchen knetet.
Zwischenbemerkung: Eine der hoffentlich letzten dümmlichen Bemerkungen, die ich vom Kanzlerkandidatenersatz P.S. hören musste, lautete, es sei jetzt an Frau Merkel, sich eine Mehrheit zu beschaffen. Nun, dazu, dass ihr dies nicht schwerfallen wird, hat der Mann im Rahmen seiner Möglichkeiten ja wirklich alles getan. Warum aber die SPD sich nicht selbst eine Mehrheit, und zwar ohne die Union, suchen soll, obwohl sie das den Mehrheitsverhältnissen nach — die doch den Wählerwillen ausdrücken — könnte, bleibt wohl auf ewig ein offenes Geheimnis sozialdemokratischer Weltsicht.
Wie auch immer. Der demokratische Sourverän hat gesprochen. Weil er aber anscheinend nicht Wörter artikuliert, sondern nur Zahlen, Säulchen und Tortenstückchen, muss man ihn übersetzen. Die es angeblich wissen müssen, erklären: Der Wähler will „Mutti" und wird sie auch bekommen. Ich interpretiere: Die Leute wollen ein Weiterso, keinen Aufbruch, wollen Stabilität, nicht soziale Gerechtigkeit, wollen ihre Gewohnheiten beibehalten, nicht neue Ideen verstehen müssen. Das ist vielleicht furchtbar, aber ganz bestimmt nicht überraschend.

Freitag, 20. September 2013

Die Wählerinnen und Wähler und wir, der Rest

Das Ganze ist ein bisschen lächerlich. Über sieben Milliarden Menschen werden am nächsten Sonntag nicht den 18. Deutschen Bundestag wählen. Das ist doch wohl einige ganze Menge. Die höchstens vier Dutzend Millionen aber, die es voraussichtlich getan haben werden, nehmen sich trotz ihrer demgegenüber bescheidenen Anzahl (zwei Drittel eines Promills der Weltbevölkerung) davor, dabei und danach furchtbar wichtig und machen ein großes Gewese um ihren Urnengang. Wie kleine Kinder, die freudestrahlend der Mama zeigen, was für ein schönes Kaka sie ins Töpfchen gemacht haben.
Drei Grundtypen von Wahlteilnehmenden lassen sich unterscheiden. Die einen wählen, weil man das eben macht, und geben sie ihre Stimme am liebsten der Partei, der sie sie immer gegeben haben. Programm und Personal interessieren sie wenig, entscheidend ist die gefühlte Übereinstimmung. Andere wählen, weil sie wirklich und wahrhaftig daran glauben, dass es einen Unterschied macht. Für sie ist Demokratie ein Auftrag an sie persönlich, den sie durchaus ernst nehmen. Wählen ist für sie Ausdruck einer Haltung und Folge einer Einsicht. Ihre Entscheidung treffen sie nicht leichtfertig und verstehen und billigen niemanden, dem das wurscht ist. Und dann gibt es noch die, die mit der Stimmabgabe ein persönliches, geradezu egoistisches Interesse verbinden. Mein Kumpel arbeitet für die Partei X, der braucht die Kohle. Ich möchte die lustigen Bundestagsreden von Y nicht missen. Wenn ich Z wähle, fühle ich mich gut.
Gründe, um zur Wahl zu gehen, lassen sich also immer finden. Es sind in jedem Fall Ausreden. Wählerei ist nämlich immer Politikersatz. Das kleinere Übel, die bessere Chance, die einzige Möglichkeit: Stets wird so getan, als sei die Alternative zu einer Wahlentscheidung eine andere Wahlentscheidung. Oder die verdrossene Verweigerung.
In Wahrheit ist Nichtwählen der politische Normalzustand, Wählen aber lediglich ein seltenes Ritual, gleichsam die symbolische Ausnahme, die die reale Regel bestätigt. Mit subjektivem oder objektivem Interesse hat das nichts zu tun. Viele Menschen interessieren sich zum Beispiel sehr für die Politik des Staates Israel, ohne die mindeste Chance zu haben, jemals die Knesset zu wählen. Und von der Politik der USA sind wohl die Menschen überall auf der Welt betroffen, können sie aber nicht im mindesten beeinflussen.
Was mich persönlich betrifft, so bin ich in fast zweihundert Staaten dieser Erde nicht wahlberechtigt. Und ausgerechnet in dem winzigen Österreich soll ich wählen, bloß auf Grund des Zufalls der Geburt und des Wohnsitzes, legitimiert durch eine abseitige Konstruktion namens Staatsbürgerschaft? Doch selbst wenn es so wäre, dass mir ein zufälliges Privileg eine besondere Verantwortung aufzuerlegen vermöchte, so muss das nicht damit gleichbedeutend sein, dieser Verantwortung in den Formen nachzukommen, die allgemein vorgeschlagen werden.
Es stimmt schon, Nichtwählen ist kein Protest (zumindest meist kein gelingender). Wählen aber ist immer affirmativ. Es ist Mitwirkung an einem Ablenkungsmanöver. Jeder weiß doch eigentlich, dass das Wesentliche anders entschieden wird. Und dass in einem stabilen politischen System Wahlen nur das verändern können, worauf es nicht ankommt.
Daraus folgt nun freilich nicht, dass es gleichgültig ist, wen oder was man wählt. Denn selbstverständlich gibt es Unterschied bei dem, was zu Wahl steht. Wen es zum Beispiel stört, dass Deutschland drittgrößter Waffenexporteur der Welt ist und damit von Tod und Zerstörung profitiert, der wird nicht CDU, CSU, FDP, Grüne oder SPD wählen können, die für Kriege und den Erhalt des Militärisch-industriellen Komplexes einzutreten pflegen. Viele andere entscheidende Unterschiede ließen sich anführen.
Doch dass innerhalb des Systems zwischen richtig und falsch, gut und schlecht, wünschenswert und verachtenswert unterschieden werden kann, rechtfertigt das System im Ganzen keineswegs. Wer wählen geht, akzeptiert ein politisches System, dass die meisten Menschen von Entscheidungen, die sie betreffen, ausschließt. So paradox es für manche klingen mag: Es wären beispielsweise eigentlich die Somalier und Somalierinnen, die über den Einsatz der Bundeswehr am Horn von Afrika zu befinden hätten, nicht ein von deutschen Wählerinnen und Wählern zusammengestellter Deutscher Bundestag. An dem grundsätzlichen Unrecht, dass in solchen Fällen stattdessen Unbefugte über Leben und Tod, Wohl und Wehe anderer Menschen bestimmen, ändert es auch nichts, wenn innerhalb besagten Parlaments ein paar Gegenstimmen erhoben werden.
Zugegeben, Demokratie als Zustimmung der Regierten zum Regiertwerden hat etwas Beruhigendes. Es ist angenehm sich um nicht mehr kümmern zu müssen als alle paar Jahre darum, dass andere sich um alles kümmern. Oder zumindest um ein bisschen was. An dem, was man wohl sowieso nicht ändern kann, muss man auch nicht rütteln. Es ist, wie es ist. Manches könnte besser sein, aber Hauptsache alles geht seinen Gang und uns geht's gut.
Nein, Nichtwählen ändert auch nichts. Spielverderber gewinnen keine Partie und weiten das Spielfeld nicht über den Horizont hinaus. Aber wenn ich schon nicht auf den Rasen kacken darf (oder will), finde ich es doch angemessen, den Veranstaltern nicht auch noch meinen symbolischen Obolus zu entrichten für Schauwettkämpfe, bei denen so vielen Teilnahme und Eintritt von vornherein verweigert wird.
Wem nichts besseres einfällt und wer darum meint, unbedingt wählen zu müssen, soll das halt in Gottes Namen tun. Aber es gibt aus meiner Sicht keinen Grund, auch noch stolz darauf zu sein. Ich jedenfalls tu's nicht und bin damit ausnahmsweise mal in der Mehrheit.

Sonntag, 15. September 2013

„Du sollst nicht wählen“ (3)

Ich bin also Nichtwähler. Damit macht man sich, wie gesagt, keine Freunde. Im Gegenteil, als Wahlverweigerer wird man regelmäßig angepöbelt. Was einem einfalle, nicht zu Wahl zu gehen, man sei wohl kein Demokrat, man wolle sich wohl nicht die Finger schmutzig machen, man halte sich wohl für etwas Besseres? Alle gehen doch wählen, bis auf die Dummen und Faulen, und da willst ausgerechnet du dich ausschließen? Bitte schön, dann eben nicht, aber dann darfst du hinterher auch nicht meckern, wenn bei den Wahlen etwas herauskommt. was du nicht willst.
Zu den infamsten Lügen der Wählereibefürworter gehört, wer nicht mitwähle, habe hinterher auch kein Recht, sich zu beschweren. Diese Logik erschließt sich mir nicht. Wenn ich als Pazifist jeden Kriegsdienst ablehne, heißt das ja wohl auch nicht, dass ich deshalb das Stattfinden, den Verlauf und den Ausgang von Kriegen nicht beurteilen kann und darf. Im Gegenteil, gerade weil ich gegen Gewalt bin, kann ich Gewaltanwendung und ihre Folgen kritisieren. Ebenso gilt, dass wer sich weigert, an den Ritualen eines bestimmten politischen Systems mitzuwirken, deshalb nicht nur nicht das Recht verliert, diesem System und seinen Funktionären die Leviten zu lesen, sondern dass ganz im Gegenteil gerade er geradezu dazu berufen ist, dies zu tun, da er nicht durch Komplizenschaft belastet ist.
Übrigens rechne ich das dem liberalen demokratischen System hoch an, dass es mich in dieser weitgehend in Ruhe lässt, mir meine Dissidenz erlaubt und mich nicht zwingt, Zustimmung zu heucheln. Dass ich lieber in einer Demokratie lebe als unter einem autoritären oder totalitären Regime, heißt freilich nicht, dass ich jede Demokratie, auch eine heruntergekommene, gut oder Demokratie als solche optimal finden muss. Ich finde es auch besser in einem wohlhabenden Land zu leben, das heißt aber nicht, dass ich eine Weltwirtschaftsordnung billige, die Länder und Menschen in Wohlhabende und Arme teilt, die Menschen in Dreck und Elend leben und an Hunger, Krankheit, Krieg sterben lässt.
Man muss kein „Demokrat“ (im nicht-radikalen Sinne) sein, um irgendeine Demokratie irgendeiner Diktatur vorzuziehen. Ich persönlich hätte allerdings auch nichts gegen eine Diktatur, vorausgesetzt, der Diktator bin ich. Rein logisch betrachtet wäre doch das Zweitbeste nach der Anarchie, wo kein Mensch herrscht, eine Autokratie, wo nur einer herrscht. Und da wäre mir niemand lieber als gütiger und weiser Herrscher las ich … Eine Demokratie jedenfalls, in der — dem Anspruch, nicht der Wirklichkeit nach! — alle herrschen, ist von der Anarchie von allen politischen Systemen am weitesten entfernt.
Tatsächlich sind die real existierende Demokratien dieser Welt aber eigentlich Oligarchien. Man lässt wählen, weil das das System stabilisiert. Wenn die Regierten den Eindruck haben, sie könnten mitbestimmen und hätten mitbestimmt, sind sie zufriedener und folgsamer, als wenn man ihnen offen sagt, sie hätten nichts zu melden und die wichtigen Entscheidungen seien sowieso schon getroffen worden. (Das tarnt man bei Bedarf als „Sachzwang“.)
Wenn Wahlen etwas ändern könnten, wären sie verboten. Gegen diese kluge Einsicht von Emma Goldman hat, so weit ich sehe, noch nie jemand ein überzeugendes Argument vorgebracht.
Und es gilt auch umgekehrt: Wo Wahlen verboten sind, könnten sie etwas ändern. In einem System, das Wahlen verbietet oder fälscht, das politische Opposition behindert oder unterdrückt, in einem solchen System sind allgemeine, freie, gleiche und geheime Wahlen unbedingt wünschenswert. Sie wären dann ein Mittel gegen das Unrecht.
In einer liberalen Demokratie hingegen geht es in der Regel bei Wahlen um nichts. Es liegt im Wesen des politischen Marktes, dass sich auf ihm alle Angebote angleichen. Rein theoretisch könnten auch hier Wahlen alles umstürzen, weil aber völlig unwahrscheinlich ist, dass sie das tun, darf alles gewählt werden, was zu Wahl steht. Heraus kommt Austauschbares. Parteien, Programmatiken, Kandidaten unterscheiden sich letztlich nicht stärker von einander als die Produkte verschiedener Schnellfraßketten. Wo doch Unterschiede und grundsätzliche Veränderungsvorschläge vorkommen, ist ziemlich sicher, dass sie keine Rolle spielen werden.
Ein Beispiel gefällig? Die deutsche Bundestagswahl ist im Grunde seit langem entschieden. Hinterher wird Merkel zur Kanzlerin gewählt werden. Ob sie dabei doch wieder mit der FDP oder, falls diese floppt, mit der SPD koalieren wird, ist auch schon egal. Selbst ein Kanzler Steinbrück machte keinen Unterschied. Oder hat Rotgrün damals wirklich eine grundsätzlich andere Politik gemacht als Schwarzrot oder Schwarzgelb? Die als Rot-Rot-Grün bezeichnete Möglichkeit gilt als ausgeschlossen. Doch selbst wenn sie verwirklicht würde, wäre, was sie innerhalb des vorgegebenen Rahmens vermöchte, nur systemimmanenter Reformismus.
Dass bei einer Wahl nichts Grundstürzendes passieren kann, mag man gut heißen. Dann soll man wählen gehen. Die einen wollen ein Weiterso, die anderen Glauben an ein bisschen Veränderung. Beides ist nichts für mich. Ich will mehr und anderes, das ist mit Wahlen nicht zu erreichen ist. Vielleicht ist es überhaupt nicht zu erreichen, aber wenn zumindest darüber geredet werden kann, dann nur im Abseits und in der Verweigerung. Eine freie und gerechte Gesellschaft ist nicht per Abstimmung herstellbar. Ob und wie sie überhaupt zu Stande kommen kann, ist schwer zu sagen. Das liegt auch daran, dass sich die „Demokratie“ zum ultimativen politischen System erklärt hat — so wie der Kapitalismus zum ultimativen ökonomischen —, wodurch über sie hinauszudenken leicht als Utopismus und Eskapismus diffamiert werden kann.
Nichtwählen ist aber nicht, wie die Wählereibeführworter behaupten, die bequemere Haltung. Viel komfortabler ist es, sich mit Wählerei zu stimulieren und zu beruhigen, als den prinzipiellen Widerspruch auszuhalten, dass es keine Wahl gibt, solange es Wahlen gibt. Wer an den Fortschritt, die List der Vernunft, die Weisheit der Massen glaubt, hat es leicht. Wer aber weiß, dass nur die Einzelnen zählen, aber jeder von ihnen, kann auf keinen verzichten, auch auf die nicht, die Unrecht haben, und sich dabei nicht irre machen zu lassen, ist schwer.
Für mich kommt nur eine Wahl in Frage, bei der jeder jeden wählt, woraufhin jeder nur sich selbst vertreten darf. Die Herstellung von Mehrheiten und Minderheiten lehne ich ab, ebenso die entmündigende Stellvertretung für die, die durchaus für sich selbst sprechen und handeln können. Darum gehe ich nicht wählen. Anders gesagt, ich habe schon gewählt: die Nichtteilnahme an der Wahl. Wer macht mit?

„Du sollst nicht wählen“ (Fundstück)


„Du sollst nicht wählen“ (2)

Meine Kritik an dem, was gemeinhin als Demokratie bezeichnet wird, richtet sich keineswegs nur darauf, dass es mir nicht genug ist, wenn man unter „demokratisch“ bloß Mehrheitsentscheide, und nicht viel grundsätzlicher gleiches Mitbestimmungsrecht von jedermann verstehen will. Ich kritisiere keineswegs bloß das Abstimmen und Wählen, ich kritisiere ebenso, dass diese Rituale nur wenig bewirken, weil ihre Wirksamkeit absichtlich eingeschränkt wird.
Nicht grundlos finden in den real existierenden Demokratien dieser Welt die am Mehrheitsprinzip ausgerichteten Abstimmungen und Wahlen üblicherweise nur recht selten statt und noch seltener wird durch sie etwas unmittelbar entschieden. Stattdessen werden für das politische Alltagsgeschäft gewöhnlich Formen der Repräsentation bevorzugt. Das heißt, die, die als eigentlich entscheidungsbefugt betrachtet werden, dürfen nur in gewissen Abständen selbst etwas entscheiden, in der Zwischenzeit werden sie, in dieser Hinsicht genau wie die Insassen von Diktaturen, von jemandem regiert. Der „demokratische Souverän“, also die Gesamtheit der Bürgerinnen und Bürger eines Staates, wird zwar bei jeder sich bietenden Gelegenheit verbal gebauchpinselt, aber die wesentlichen Entscheidungen trifft (von plebiszitär-demokratischen Elementen in dem einen oder anderen politischen System abgesehen) jemand anderer an seiner Stelle. Alles für das Volk, nichts durch das Volk lautet die Devise. Demokratie in diesem Sinne wird zurecht definiert als Regierungssystem, in dem die, die regiert werden, dem Regiertwerden zustimmen müssen. Etwas anderes bleibt ihnen ja ach nicht übrig.
Perfekt verkörpert dies das parlamentarische System Österreichs. Hier wird alle fünf Jahre über die Zusammensetzung des Nationalrates abgestimmt. Wer kandidiert, bestimmen die Parteien. Scheidet ein Parlamentarier später aus dem Parlament aus, rückt jemand nach, dem bei der Wahl überhaupt niemand seine Stimme gegeben hat. (Mir ist ein Fall erinnerlich, wo alle Nationalratsabgeordneten einer bestimmten Partei ihr Mandat niederlegten, damit ein Politiker, der weit hinten auf der Kandidatenliste, ins Parlament einziehen konnte, woraufhin die eben Ausgeschiedenen wieder auf die Liste gesetzt wurden und ihr Mandat von Neuem übernahmen. Ein Glanzstück der Demokratie!)
Aber nicht nur die personelle Zusammensetzung des Parlaments wird von Wahl nicht bestimmt — ich lasse hier die Möglichkeit der Vergabe Vorzugsstimmen außer Acht, die das System nur punktuell, nicht prinzipiell modifiziert —, sondern es gibt auch keinerlei Möglichkeit, bei der Wahl zu bestimmen, welche politischen Positionen die Gewählten vertreten werden. Die Parteien formulieren zwar Programme, aber nichts zwingt sie, sich an diese zu halten. Schaut man sich die Wahlwerbung an, so scheinen die wahlwerbenden Gruppen eher daran interessiert, die Visagen ihrer Kandidaten und irgendwelche simplen und belanglosen Slogans zu plakatieren als konkrete Zusagen zu machen. Derselbe Wähler, der angeblich alles entscheidet, wird offensichtlich für zu blöd gehalten, mehr als Stichwort zu verstehen. Dass man vom Wahlvolk nichts hält, sondern sich in Wahrheit bloß seine Unmündigkeit bedienen will, zeigt sich aber auch daran, dass man in Österreich das Wahlalter auf 16 Jahre abgesenkt hat. Mit anderen Worten, die Politik wird (der Form nach) von Menschen mitentschieden, die man andererseits nicht für erwachsen genug hält, um unbegleitet ein Auto zu lenken oder um Wettbüros oder Puffs zu betreten.
Was für Österreich gilt, gilt mutatis mutandis auch für andere parlamentarische Demokratien. Die Wählerinnen und Wähler sind mehr oder minder bloß eine Ausrede, zu sagen haben sie im Grunde nichts. Sie geben alle heiligen Zeiten ihre Stimme ab, was das Wortspiel unumgänglich macht, dass sie ab dann keine mehr haben. Außer am Stammtisch und in anderen sozialen Medien; aber das zählt nicht. Das Motto des Parlamentarismus lautet: Wir wollen uns beim Regieren von unseren Wählern möglichst nicht stören lassen, darum so wenig tatsächlich Demokratie wie unbedingt nötig, aber so viel Berufung auf Demokratie wie möglich.
Ein solches System unterstütze ich nicht. Ich will meine Stimme nicht abgeben, ich will sie behalten und mitbestimmen dürfen. Keine der sich angeblich um meine Gunst bewerbenden Parteien kann mich vertreten, ich bin einmalig und unersetzlich. Und selbst wenn es eine Partei gäbe, deren Programmatik oder wahrscheinlich Praxis ich ausreichend gutheiße, um etwas anderes als Verachtung oder Missbilligung zu verspüren, wenn die Rede auf sie kommt, selbst dann also (was nicht wirklich der Fall ist), sehe ich nicht ein, warum deren Funktionäre meinen Job machen sollen. Ich halte mich für geistig noch rüstig genug, meine Entscheidungen selbst zu treffen, meine Meinung selbst zu äußern. Ich brauche also niemanden, der mich „repräsentiert“, zumal ich es angesichts meiner regelmäßig als abseitig geltenden Überzeugungen für unmöglich halte, das irgendwer das halbwegs hinbekommt.
Ich wähle keinen, der sich zu Wahl stellt. (Zweimal habe ich, um ehrlich zu sein, eine Ausnahme gemacht bei Bundespräsidentenwahlen: gegen Kurt Waldheim und gegen Benito Ferrero-Waldner.) Und ich wähle keine Partei. Wer gewählt werden will, führt entweder etwas Unheilvolles im Schilde oder ist auf gefährliche Weise naiv. Selbst Kandidaten nämlich, die, was in seltenen Fällen der Fall ist, eben noch intelligente und Argumenten zugängliche Zeitgenossen waren, werden durchs Kandidieren zu Verteidigern von Parteilinien und damit letztlich von all dem, was die Systembetreiber so verbrechen.
Wer kandidiert, heißt das politische System im Prinzip gut und will bestenfalls Details verbessern. Man kann aber die repräsentative (also entmündigende), auf Majorisierungen (also Ausschlüssen) beruhende „Demokratie“ so wenig zu etwas Gutem machen wie den Kapitalismus. Was als Ganzes schlecht ist, muss als Ganzes abgelehnt und abgeschafft werden. Dabei darf man sich auch nicht davon irre machen lassen, das manche Systemzustände unerträglicher sind als andere.
Wer kandidiert, wäre bereit, an meiner Stelle zu sprechen. Das möchte ich aber nicht. Ich will selbst für mich sprechen. Ich wähle also niemanden und nichts. Ich wähle gar nicht. Ich gehe einfach nicht hin. Naiv, wer glaubt, seine Kritik an demokratischen Defiziten durch ungültiges Wählen Ausdruck geben zu können. In der Berichterstattung und damit der öffentlichen Wahrnehmung kommen die ungültigen Stimmen nicht vor. Auch die Wahlbeteiligung, das verhehle ich nicht, wird zwar, wenn sie gering ist oder abnimmt, gern beklagt, spielt aber keine Rolle. Es werden bemerkenswerterweise immer gleich viele Parlamentssitze vergeben, egal, wie viele Wählerinnen und Wähler an der Wahl teilgenommen haben. Aber auch die ungültigen Stimmen beeinflussen die Mandatsvergabe nicht. Sie sind noch unsichtbarer als die gar nicht abgegebenen Stimmen. Deren fehlen wird immerhin noch bemerkt. Nein, nicht ungültiges Wählen, nur Nichtwählen widerspricht dem System. Das ist dem in der Regel wurscht. Aber es bleibt die einzig anständige Alternative zur Komplizenschaft mit den bestehenden politischen Verhältnissen.
Darum gilt aus meiner Sicht: Du sollst nicht wählen!

„Du sollst nicht wählen“ (Fundstück)


„Du sollst nicht wählen“ (1)

Allein schon, dass alle Welt will, dass man wählen gehe, ist doch wohl höchst verdächtig. Geh wählen, geh wählen, geh wählen, tönt es von überallher. Geh wählen, heißt es, egal was, Hauptsache, du wählst überhaupt. Wählen gehen sei wichtig, heißt es. Das glaube ich auch. Wählen gehen stärke die Demokratie, heißt es. Auch das glaube ich. Gerade deshalb bin ich ja dagegen.
Als Nichtwähler macht man sich im real existierenden Demokratismus nicht beliebt. Nichtwähler werden als passive Ignoranten, als faule Verweigerer, als überzählige Mitbürger betrachtet, die den anständigen und fleißigen Wählern und Wählerinnen politisch auf der Tasche liegen und am Wahltag, der bekanntlich Zahltag ist, ihren notwendigen Beitrag nicht leisten. Pfui. Wer nicht wählt, der soll eigentlich gar nicht existieren.
Dass man auch Nichtwähler sein kann, ohne politisch desinteressiert und inaktiv zu sein, darf nicht wahr sein. Wer nicht wählt, hat einen Defekt. Der kann vielleicht mit Verdrossenheit entschuldigt werden, bleibt aber ein Übel, das besser beseitigt würde. Nichtwählen aus Überzeugung aber, wo gibt’s denn so was!
Wahlen gelten als Kernbestandteil der Demokratie, und die Demokratie ist die Heilige Kuh (um nicht zusagen: das Goldene Kalb) der kapitalistischen Gesellschaft. Wer Demokratie nicht toll findet und nicht als die einzig vernünftige und erstrebenswerte Regierungsform anhimmelt, ist mehr als verdächtig. Der ist draußen. Nur Nazis und Kommunisten und solches Gesocks sind keine Demokraten. (Wobei man verdrängt, dass Hitler von der „germanischsten Demokratie“ schwärmte und die Bolschewisten ihre Gewaltherrschaft als „demokratischen Zentralismus“ betitelten.)
Undenkbar, dass man auch aus guten Gründen gegen Demokratie, so wie sie ist, etwas haben könnte. Also sage auch ich nicht etwa, ich sei Antidemokrat, sondern bezeichne mich als Demokratiekritiker. Das stimmt allerdings auch in der Sache, denn ich will nicht ja weniger als Demokratie, sondern mehr. Als Anarchist sähe ich gerne das an demokratischen Systemen, was an ihnen noch Herrschaft von Menschen über Menschen ist, überwunden. Wenn man also unter radikaler Demokratie verstehen kann, dass alles, was ihn betrifft, von jedem Mündigen mitbestimmt wird, dann bin ich radikaler Demokrat.
Radikale Demokratie und Anarchie sind so gesehen für mich Synonyme und bezeichneten ein politisches System, in dem jeder bei allem, was ihn etwas angeht, mitreden darf und in dem er mitentschieden haben muss, damit Entscheidungen als legitim betrachtet werden können. Das kann nicht funktionieren, lautet sofort der Einwand. Das ergibt nur endloses Gequatsche und letztlich völlige Blockade, weil es immer jemanden gibt, der sich querlegt. Nun, ich habe auch nicht gesagt, dass Anarchie „funktionieren“ wird, ich sage, dass ich sie mir wünsche. Das Wünschbare braucht mit dem Machbaren nicht immer identisch zu sein, denn dürfte man sich nur wünschen, was machbar ist, wäre bald nur noch wünschenswert und erwünscht, was sowieso gemacht wird.
Ich halte mein Wunschdenken aber für kritischen Realismus. Eine andere Wirklichkeit ist möglich! Wäre sie es nicht, wäre jede Kritik am Bestehenden sinnlos. Daraus folgt selbstverständlich nicht, dass immer alles möglich ist. So erscheint es mir zwar jetzt schon als wünschenswert und machbar, auf radikale Demokratie hinzuarbeiten, sie aber spontan global und restlos umzusetzen mit den Menschen, so wie sie heute drauf sind, halte ich für eher schwierig bis unmöglich. Miteinander umzugehen, ohne einander beherrschen zu wollen, das muss man nämlich erst lernen.
Allerdings ist es im Grunde die selbstverständlichste Sache von der Welt. Man stelle sich vor, eine paar Freunden verabredeten sich, gemeinsam ins Kino zu gehen. Welchen Film sollen sie sich anschauen? Einige wollen diesen, andere jenen. Hat es da Sinn, abzustimmen und die Mehrheit entscheiden zu lassen? Warum soll sich jemand einen Film anschauen, den nicht er, sondern jemand anderer sehen will? Und was, wenn es zum Beispiel nur zwei Leute sind? Da ergäbe jede Abstimmung entweder Einstimmigkeit oder ein Patt. Und doch schaffen es Paare immer wieder, ach bei unterschiedlichen Interessen, Vorlieben und Überzeugungen, gemeinsame Entscheidungen zu treffen. Rücksichtnahme und Kompromissfähigkeit werden da Schlüsselbegriffe sein. Warum aber soll, was im Kleinen möglich, ja unabdingbar ist, im Großen nicht „funktionieren“ können? Doch nur deshalb, weil es noch kein Bewusstsein, keine Sensibilität, keine Methoden, keine Modelle für die Kunst des herrschaftsfreien Miteinanders gibt.
Stattdessen macht man Wahlen und Abstimmungen. Das hält man für Demokratie. Hände hoch oder Zettel in die Urne, und dann wird abgezählt. Diese Wählerei schmeichelt der Eitelkeit des Einzelnen. Er ist dann mit einem Mal sehr wichtig, seine Meinung ist gefragt, er darf mitbestimmen. Dass sein Votum nur ein statistisches Pünktchen ist, fällt dabei nicht ins Gewicht. Auf jede Stimme komme es an, heißt es. Stimmt schon. Aber bloß als Teil einer Quantität. Qualitativ bleibt der Stimmabgebende völlig austauschbar. Das ist wie in der Marktwirtschaft: Wer die angebotenen Waren kauft, ist völlig wurscht, Hauptsache, sie werden bezahlt. Und so ist es auch egal, wer wofür stimmt, es kommt nur darauf an, wie viele wofür stimmen. Eine umfassendere Auslöschung von Singularität und Persönlichkeit ist gar nicht denkbar, das geht noch über die herrschende Massenkultur hinaus, die immerhin aus konsumierbaren Versatzstücken zusammengesetzte Pseudo-Individualitäten fabriziert. (Allerdings hat eine Darstellung von Politik, bei der es nur um Quantitäten in Gestalt von bunten Säulchen und Tortenstücken und Kurven geht, auch wieder viel Ähnlichkeit mit den abstrakten Leistungen des Sports und der Charts-Vernarrtheit der Popkultur.)
Kurzum: Demokratie, verstanden als Abstimmerei, hat mit radikaler Demokratie so viel zu tun wie der Publikumsjoker einer Quizshow mit einem Gespräch von Experten und Betroffenen. Das zu Grunde liegende Prinzip stimmt einfach nicht. Die Mehrheit hat niemals Recht, sie ist einfach nur die Mehrheit. Wie oft eine Meinung vertreten wird, besagt doch nichts über deren Richtigkeit oder Berechtigung. Dass die Mehrheit entscheidet, ist nichts anderes als das formalisierte „Recht“ des Stärkeren, das bekanntlich keines ist, sondern bloß Gewalt. Wir sind mehr als ihr, das heißt doch nichts anderes als: Wir können euch überwältigen, wenn ihr es darauf ankommen lasst.
Wenn eine Million Menschen über etwas abstimmt, und 500.001 entscheiden sich für A und 499.999 für B, ist dann wirklich A legitimiert? Rein formell nach einem bestimmten Demokratieverständnis schon. Allerdings wird auch der gestandenste Demokrat bei solchem Ergebnis ein Unbehagen haben. Hier könnte eine Seite die andere eben nicht überwältigen. Bei 55 Prozent zu 45 schon eher. Bei 75 zu 25 erst recht. Jenseits der 90 ist jeder Widerstand gebrochen. Es geht in Wahrheit also um Gewaltverhältnisse, und doch tut man so, als ob bei 50 Prozent plus X eine magische Grenze überschritten würde, die irgendeine Entscheidung von einer beliebigen in eine legitimierte verwandeln könnte. Eine Art säkularisiertes Gottesurteil.
Warum man nun solche Mehrheitsentscheidungen mit „demokratischer Reife“ akzeptieren soll, habe ich nie verstanden. Für sich genommen ist bloße Quantität noch kein Argument. Mehr von etwas zu haben, ist nur dann gut, wenn dieses Etwas gut ist. Etwas Falsches wird nicht richtig, wenn mehr Leute es unterstützen als ablehnen. Wenn ein solches Verfahren nicht als Herrschaftstrick zu durchschauen „reif“ sein bedeutet, bleibe ich lieber unreif.
Einstimmigkeit (Jeder stimmt zu) oder Einmütigkeit (Keiner stimmt dagegen) mögen mühsame und (nach welchen Kriterien eigentlich) „ineffiziente“ Verfahren sein. Aber sie sind die einzigen, die tatsächlich jedem, der am politischen Prozess teilnimmt, dasselbe Recht zubilligen. Die mehrheitsbildende Abstimmerei hingegen entwertet die, die in der Minderheit sind. Viel besser, als nun nachträglich Minderheiten zu schützen, wäre es, ein Einteilen in Mehrheiten und Minderheiten von vornherein zu unterlassen.
Darum gilt aus meiner Sicht: Du sollst nicht abstimmen!

Sonntag, 8. September 2013

Aufgeschnappt (beim Papst)

Die Welt Gottes ist eine Welt, in der sich jeder für den anderen, für das Wohl des anderen, verantwortlich fühlt. Ist das nicht eigentlich die Welt, die ich mir wünsche? Ist das nicht die Welt, die wir alle im Herzen tragen? Ist die Welt, die wir wollen, nicht eine Welt der Harmonie und des Friedens in uns selbst — in den Beziehungen zu den anderen, in den Familien, in den Städten, innerhalb und zwischen den Nationen? Und ist die wirkliche Freiheit in der Wahl der einzuschlagenden Wege in dieser Welt nicht die, welche sich am Wohl aller orientiert und von der Liebe geleitet ist? Doch fragen wir uns nun: Ist das die Welt, in der wir leben? Wenn der Mensch nur an sich selber denkt, an die eigenen Interessen, und sich in den Mittelpunkt stellt, wenn er sich von den Götzen der Herrschaft und der Macht betören lässt, wenn er sich an die Stelle Gottes setzt, dann zerstört er alle Beziehungen, richtet er alles zugrunde und öffnet der Gewalt, der Gleichgültigkeit und dem Konflikt Tor und Tür. Menschsein bedeutet, einander Hüter zu sein! Wenn dagegen die Harmonie auseinander bricht, wird der Bruder, der gehütet und geliebt werden soll, zum Gegner, der bekämpft und beseitigt werden muss. Wir lassen uns von den Götzen, vom Egoismus, von unseren Interessen leiten; und dieses Verhalten entwickelt sich weiter: Wir haben unsere Waffen vervollkommnet, unser Gewissen ist eingeschlafen, und wir haben ausgeklügeltere Begründungen gefunden, um uns zu rechtfertigen. Als wäre es etwas Normales, fahren wir fort, Zerstörung, Schmerz und Tod zu säen! Gewalt und Krieg bringen nur Tod, sprechen vom Tod! Gewalt und Krieg sprechen die Sprache des Todes! Ist es möglich, den Weg des Friedens einzuschlagen? Können wir aus dieser Spirale des Schmerzes und des Todes aussteigen? Können wir wieder lernen, mit unseren Schritten die Wege des Friedens zu verfolgen? Ja, es ist für alle möglich! Ja, wir wollen es! Im Schweigen des Kreuzes verstummt das Getöse der Waffen und kommt die Sprache der Versöhnung, des Verzeihens, des Dialogs und des Friedens zu Wort. Gewalt und Krieg sind niemals der Weg des Friedens! Möge ein jeder Mut fassen, auf den Grund seines Gewissens zu schauen und auf jene Stimme zu hören, die sagt: Komm heraus aus deinen Interessen, die dein Herz verengen, überwinde die Gleichgültigkeit gegenüber dem anderen, die das Herz gefühllos macht, besiege deine Todesargumente und öffne dich dem Dialog, der Versöhnung: Schau auf den Schmerz deines Bruders und füge nicht weiteren Schmerz hinzu, halte deine Hand zurück, baue die Harmonie wieder auf, die auseinander gebrochen ist — und das nicht mit dem Zusammenprall, sondern mit der Begegnung! Möge das Waffenrasseln aufhören! Krieg bedeutet immer das Scheitern des Friedens, er ist immer eine Niederlage für die Menschheit.
 (Predigt, stark gekürzt)

Mittwoch, 4. September 2013

Muttis mörderische Lügen

Frau Merkel, Deutschlands Regierungschefin, hat der Katholischen Nachrichten Agentur (KNA) ein Interview gegeben, in dem sie unter anderem gefragt wird. „Die erste Reise des Papstes führte ihn nach Lampedusa, wo er Europa zu mehr Hilfe für die Bootsflüchtlinge aufrief. Ist die Kritik berechtigt und die Asylpraxis zu restriktiv?“
Merkels Antwort: „Die Worte und die Gesten des Papstes auf Lampedusa waren sehr berührend angesichts der Dramen, die sich leider immer wieder auf dem Meer vor dieser Insel abspielen. In Deutschland gilt für das Asylrecht der ebenso einfache wie klare Satz unseres Grundgesetzes: ‘Politisch Verfolgte genießen Asylrecht.’ Dieser Satz ist ein klares Bekenntnis. Seit 1953 wurden in Deutschland 3,7 Millionen Erst- und Folgeanträge gestellt. Jeder einzelne Antragsteller bekommt ein rechtsstaatliches Asylverfahren. Darüber hinaus nimmt Deutschland aus humanitären Gründen auch Flüchtlinge aus Drittstaaten auf. So haben wir als einziges europäisches Land angekündigt, 5.000 weitere syrische Flüchtlinge aufzunehmen. Das gemeinsame europäische Asylsystem gewährleistet, dass Verfolgte nicht in Gefahrensituationen zurückgeschickt werden. Es garantiert Asylbewerbern und Menschen, die internationalen Schutz genießen, innerhalb der EU anständige Bedingungen.“
Viele Worte, knapper Sinn: Es ist alles in Ordnung, und weil Mutti regiert macht Deutschland nichts falsch. Die in der Frage der KNA nach dem Papstbesuch auf Lampedusa erwähnten Bootsflüchtlinge kommen in Merkels Nicht-Antwort nicht mehr vor. Irgendwelche maritimen Tragödien scheinen da im Mittelmeer stattzufinden, aber mit Politik hat das wohl nichts zu tun, schon gar nicht mit der von Merkel, Deutschland, der EU.
Merkel lügt. In Deutschland gilt bekanntlich nicht bloß der einfache Satz „Politisch Verfolgte genießen Asylrecht“, sondern auch noch der zweite bis fünfte Absatz desselben Gundgesetzartikels (Verhältnis des Textumfanges 1 : 50), durch die der „einfache Satz“ reichlich kompliziert und in Wahrheit massiv eingeschränkt wird.
Merkel lügt. Von „anständigen Bedingungen“ innerhalb der EU kann keine Rede sein. Vielmehr ist Unanständigkeit die Regel und „Abschreckung“ das erklärte Politikziel. Flüchtlinge — lassen wir das dumme Wort „Asylbewerber“ beiseite, Menschen auf der Flucht „bewerben“ sich nicht um Asyl, als wäre das ein Platz in einer Castingshow — sind Verfügungsmasse nationaler Politiken. Der Umgang mit ihnen ist permanente Entmündigung und Entwürdigung. Zunächst gilt jeder Flüchtling als Feind. Darum versucht man, das Schicksal der unerwünschten Eindringlinge gar nicht erst „innerhalb“ der EU zu entscheiden, sondern an den Außengrenzen. Der Papst besuchte auf Lampedusa einige Überlebende und gedachte der Nichtüberlebenden. Deren Tod ist kein von anonymen Mächten in Szene gesetztes „Drama“, sondern beabsichtigtes Resultat der mörderischen Abschottungspolitik der EU.
Merkel lügt. Keineswegs genießen schlechterdings alle politisch Verfolgten, die das anstreben, in Deutschland Asyl. In den (mitunter bitteren) Genuss von Asyl, Duldung oder sonstigen „Aufenthaltstiteln“ — das Vokabular verrät, das Nichtdeutsche zunächst einmal und grundsätzlich zu Unrecht in Deutschland sind — gelangt nur, wer es hierher geschafft hat und gegen den kein Rechtsmittel mehr angewandt werden kann, dass den Rechtsstaat nicht vollends zur Farce werden ließe. Politische Verfolgung wird dabei völlig willkürlich möglichst eng definiert und ausschließlich als Verfolgung im „Herkunftsland“ verstanden. „Wirtschaftsflüchtling“ ist ein Schimpfwort. Als ob Elend ein weniger guter Grund wäre, seine Heimat zu verlassen, als Folter und mangelnde Pressefreiheit. Als ob Unterernährung und das Fehlen von medizinischer Behandlung keine „Gefahrensituation“ wären, in die man nicht „zurückgeschich“ werden darf.
In Wahrheit sind auch und gerade die „Wirtschaftsflüchtlinge“ politisch Verfolgte. Gewiss gibt es auch jeweils einheimische Gründe, warum in einem Land Armut und Hunger, Seuchen und Krieg herrschen, aber entscheidend ist eine Weltwirtschaftsordnung, die solche Verhältnisse ermöglicht, begünstigt, erzwingt. Der Reichtum des Nordens hat den Armut des Südens zur Bedingung. Frau Merkel betont gern, dass es dank ihrer Politik vielen in Deutschland besser gehe als vor vier Jahren. Dass deutscher Wohlstand mit Not und Elend anderswo erkauft ist, erwähnt sie selbstverständlich nicht.
Wer in den Westen einwandern will, um den schlechten Lebensbedingungen zu Hause zu entkommen, verwirklicht im Grunde bloß sein Anrecht auf ein Stück vom Kuchen, der auf seine Kosten gebacken wird. Das will die europäische Politik nicht zulassen. Die restriktive und zum Teil letale Flüchtlingspolitik ist nicht nur unschön, traurig und rechtsverletzend, sie ist auch nur die kalkulierte Kehrseite der Weltwirtschaftspolitik. An den EU-Außengrenzen werden Feinde abgewehrt, die es gar nicht gäbe, wenn nicht außerhalb der EU systematisch Unrecht und Elend erzeugt würden.
Merkel lügt, wenn sie sagt: „… jede Gesellschaft ist auf ein Fundament grundlegender Werte und Normen angewiesen, das sich bei uns ganz wesentlich aus christlichen Wurzeln speist.“ Der einzige Wert, der Politikerinnen ihres Schalges interessiert und der tatsächlich den Kern des europäischen und globalen Projektes ausmacht, ist Profitmaximierung. Alles andere ist blenderisches Brimborium.
Merkel steht für eine Politik, die Menschen weiterhin unter unwürdigen, beschädigenden und tödlichen Bedingungen leben lässt, die ihre Flucht aus diesen Verhältnisse behindert oder zur Gefahr für Leib und Leben macht und die den Aufenthalt von denen, die es (vorübergehend) geschafft haben, so unangenehm wie gerade noch möglich gestaltet. So sichert diese Politik deutschen Wohlstand und dessen ungerechte Verteilung. Viele Menschen in Deutschland sind damit sehr zufrieden. Darum wird Merkels Partei gewählt werden und „Mutti“ mindestens vier weitere Jahre Regierungschefin bleiben.
Papst Franz damals auf Lampedusa. „Wir haben uns an das Leiden des anderen gewöhnt, es betrifft uns nicht, es interessiert uns nicht, es geht uns nichts an!“ Na, dann macht mal dein Kreuz, deutscher Wähler, deutsche Wählerin! Der liebe Gott sieht alles.

Samstag, 31. August 2013

Lasst mich doch mit Sotschi in Ruhe!

Aber ja doch, es stimmt, in der Russländischen Föderation liegt einiges im Argen. Die politischen, ökonomischen, kulturellen und nicht zuletzt ökologischen und sozialen Probleme sind vielfältig und erschreckend. Das herrschende „System Putin“ ist dabei keine Lösung, sondern selbst ein Problem. Demokratie und Justiz sind ein schlechter Witz, Opposition und freie Medien werden drangsaliert und marginalisiert und regierungsunabhängige Vereinigungen werden als ausländische Agenten diffamiert. Von der rücksichtslosen Ausbeutung der natürlichen Ressourcen abgesehen ist die Wirtschaft ineffizient und, wie Staat und Kulturbetrieb, geradezu sprichwörtlich korrupt. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetherrschaft beruht das nationale Selbstverständnis nur noch auf der schieren Größe des Landes, auf dem immer noch monströsen, wenn auch miserabel verwalteten militärischen Potenzial und auf einer unappetitlichen Verharmlosung von Stalinismus und Breschnewismus. Die Kluft zwischen Reichen und Superreichen einerseits und schierem Elend wächst ständig. Für die enormen Umweltzerstörungen, die stattgefunden haben und immer noch stattfinden, fehlt das Problembewusstsein, geschweige denn ein Lösungsansatz. Kurzum, Russland ist ein ziemlich kaputtes Land und die Mehrheit seiner Bevölkerung kann einem leid tun.
Und dann auch noch das Gesetz gegen „Homo-Propaganda“, demzufolge es verboten ist, in Anwesenheit von Kindern und Jugendlichen positiv wertend über „nichttraditionelle sexuelle Beziehungen“, de facto also Homosexualität, zu sprechen. Da die Anwesenheit Minderjähriger in der Öffentlichkeit immer als gegeben vorausgesetzt wird, macht das Gesetz jede Artikulation schwulen oder lesbischen Selbstbewusstseins, jede Aufklärungsarbeit und in der Folge jede Organisation zu Beförderung von Aufklärung und Selbstbewusstsein unmöglich.
Dieses Gesetz und die breite Zustimmung, die es in der Öffentlichkeit zu erfahren scheint, sind eine üble, eine sehr üble Sache. Aber ich kann nicht erkennen, warum es eigentlich eine üblere Sache ist als zum Beispiel das hochgefährliche Verrotten des Atomwaffenarsenals oder die Austrocknung und Vergiftung des Aralsees, die alltägliche Polizeibrutalität oder der grassierende Alkoholismus, die Unterfinanzierung des Gesundheitssystems oder das erbärmliche Niveau der Löhne und Renten.
Und doch scheint das „Anti-Homo-Progaganda-Gesetz“ die Gemüter in der westlichen Welt weit mehr zu berühren als irgendein anderer Missstand in Russland.
Das Gesetz war noch nicht beschlossen, da wurden schon Rufe laut, wenn Putins Russland den Homosexuellen so etwas antue, dann müsse eben Putins Russland boykottiert werden. Das symbolische Wegschütten von Wodka, wie es in amerikanischen (und Berliner und Schweizer) Schwulenbars praktiziert wurde, war nur ein erster Schritt — in oft die falsche Richtung, weil eine der im Westen beliebtesten „russischen“ Wodka-Sorten von einer niederländischen Firma in Lettland produziert wird.
Zweiter Schritt war die Idee, die Olympischen Winterspiele, die im Februar 2014 in Sotschi am Schwarzen Meer stattfinden werden, müssten boykottiert werden. Eine großartige Idee, finde ich, wenn man sie richtig begründet. Mit der mörderischen russischen Kaukasuspolitik zum Beispiel oder all dem, was ich oben an russischen Miseren skizziert habe: Demokratische und rechtsstaatliche Defizite, ökologischer Irrsinn, soziale Kluft usw. usf. Es nur und ausschließlich mit Russlands Umgang mit Homosexualität zu begründen, scheint mir hingegen reichlich beschränkt.
„Mich stört dieser entsetzliche Narzissmus der Schwestern“, hat jemand das einmal formuliert (und ich habe es hier zitiert). In anderem Zusammenhang, aber aus meiner Sicht auch hier anwendbar. Es ist ja durchaus erfreulich, dass sich unter den westlichen Schwulen (und …) ein vielstimmiger und vielgestaltiger Protest gegen Wladimir Wladimorowitsch Putins Politik abzeichnet, aber warum erst und nur bei diesem einen Thema? So lange es die anderen sind, die man nicht zur eigenen „community“ rechnet, die kritischen Journalisten, die Rentner, die rechten und linken Oppositionspolitiker, die Umwelt- und Menschenrechtsgruppen, so lange es nicht ausdrücklich um Homosexuelles geht, sondern lediglich um allgemeine Probleme, so lange interessiert man sich nicht für Putins Politik. Oder tut man es in anderen Zusammenhängen, wo dann wiederum Homosexualität kein Thema ist? Als „LGBTIQ“ hingegen politisiert man sich anscheinend erst, wenn das eigene Selbstverständnis betroffen ist.
Auch das ist im Grunde Homonationalismus. So lange nämlich ein Staat, eine Gesellschaft sich „homofreundlich“ gibt, also die Existenz einer von den Heterosexuellen zu unterscheidenden Gruppe von Homosexuellen nicht leugnet oder bekämpft, so lange einschlägiger Kommerz und Konsum, Regenbogen- und Paradefolklore ungestört funktionieren, so lange erhebt man seitens der Lesbenundschwulen keinen grundlegenden Einwand gegen das System. Im Gegenteil, wo man geduldet und wo gefeiert wird, dort sieht man gern über sozusagen „sachfremde“ Missstände hinweg und gliedert sich willig in die große bunte Spaß- und Profitmaschine ein, deren Beruhen auf Ausbeutung und Unterdrückung man geflissentlich ignoriert. Sind Antidiskriminierungsvorschriften und bitte, bitte auch die „Homo-Ehe“ erst einmal in Aussicht gestellt oder gar verwirklicht, sind gesellschaftskritische Ansätze von offiziell organisierten Lesbenundschwulen nicht mehr zu erwarten.
Kurz gesagt, was eine brave LBGTIQ-Community ist, das will in die bestehenden Verhältnisse integriert, also Teil des jeweiligen nationalen Projektes sein, das heißt aber eben: Teil der herrschenden, also schlechten Verhältnisse. Einziges Kriterium ist die dabei anscheinend eigene Konsumfreiheit. Ist die gegeben, sieht man großzügig über jeden sonstigen Missstand, jedes sonstige Unrecht hinweg. Mehr noch, indem man die „Freiheit“ und „Toleranz“ der eigenen Nation feiert, unterstützt man in Wahrheit deren Verbrechen.
So scheinen z.B. in den USA diejenigen queers, die eine ausdrücklich kritische Haltung zum kapitalistisch-imperialistischen System einnehmen, eine verschwindende Minderheit zu sein; aber nicht zufällig sind diese in der Regel dann auch gegen die Homo-Ehe, gegen den Dienst in den Streitkräften, das Gefängnisunwesen usw. usf.
Ein (übrigens durchaus denkbarer) russischer Homonationalismus spielt derzeit hingegen keine Rolle. Vielmehr projizieren die westlichen Homonationalismen ihre konformistischen Konzepte auf Russland als deren Gegenbild. Als ob in den USA, Deutschland, Großbritannien, Frankreich usw. alles so zum Besten stünde, dass in diesen Horten der Freiheit Winter- oder Sommerspiele jederzeit stattfinden dürften, während man den zurückgebliebenen Russen erst einmal einbläuen muss, wo Gott wohnt.
So hat etwa der britische Schauspieler und Schriftsteller Stephen Fry an Premierminister David Cameron (und das Internationale Olympische Komitee) einen Offenen Brief geschrieben, in dem er die Olympischen Spiele von 1936 erinnert und ausdrücklich die nationalsozialistische Judenverfolgung mit dem Umgang des Putin-Staates mit Homosexuellen parallelisiert. Nun, nichts ist zu dumm und lächerlich, um nicht von irgendeinem Wichtigtuer als Argument vorgebracht zu werden. Fry dekretiert: „An absolute ban on the Russian Winter Olympics of 2014 on Sochi is simply essential.“ Es wäre ihm ausdrücklich lieber, die Spiele fänden z.B. in den USA statt. Anscheind sind Obamas Drohnenkriege im Unterschied zu Putins Antihomopolitik nicht disqualifizierend. „(Putin) is making scapegoats of gay people, just as Hitler did Jews.“ Und um sein Expertentum zu belegen, hält Fry fest, dass er schon mal in Russland war, schwul und und Jude ist. Wer kann ihm da noch widersprechen? Vielleicht jemand, der weder den britischen Regierungschef — „a man for whom I have the utmost respect“ [sic!] — noch das IOC für moralische Instanzen hält.
Um es ganz klar zu sagen: Die Olympischen Spiele sind ein rein kommerzielles Spektakel, das unter der Fassade von Buntheit und Völkerfreundschaft von den wirklichen Problemen dieser Welt ablenken soll. Als wäre es nicht völlig egal, ob irgendein chemisch präparierter Bioroboter („Athlet“) höher, schneller, weiter rennt, hüpft oder rodelt, während Millionen Mitmenschen im Elend vegetieren, verhungern, an heilbaren Krankheiten krepieren oder als Opfer von Kriegen. Und kein einziger der westlichen Regierungschefs, die doch allesamt Exekutoren dieser himmelschreiend ungerechten Weltordnung sind, kann als moralisches Gegengewicht zu Putin angesehen werden. Der Kriegstreiber Cameron schon mal gar nicht. (Dass und wofür Fry ihn lobt — „you showed a determined, passionate and clearly honest commitment to LGBT rights and helped push gay marriage through both houses of our parliament in the teeth of vehement opposition from so many of your own side. For that I will always admire you“ — ist ein Musterbeispiel narzissistischer Realitätsausblendung und eine gute Grundlage für Homonationalismus.)
Dass ich westlichen Politikern (und ihren devoten Bewunderern à la Fry) das Recht abspreche, Putin, mit dem sie ansonsten prima Geschäfte machen, wegen seiner schwulenfeindlichen Politik zu kritisieren, heißt selbstverständlich nicht, dass keine Kritik erlaubt und möglich ist. Aber man sollte sich an das halten, was wirklich stattfindet.
Die derzeitige Politik der Russländischen Föderation ist das Gegenstück zur derzeitigen Politik im Staat Israel. Gleichsam „Pinksmearing“ statt „Pinkwashing“. Während man nämlich für Israel damit wirbt, dass Tel Aviv ein ganz tolles schwules Nachtleben hat, und damit von Besatzung und Siedlungsbau, Alltagsrassismus und sozialem Verfall, Staatsterror und Völkerrechtsbruch abzulenken versucht, macht man in Russland einen auf dicke Hose, indem man westlichen Standards trotzt und der neumodischer Liberalität im Umgang mit Homosexuellen die gute alte Autorität repressiver Moral entgegensetzt. In beiden Fällen sind die Schwulen und Lesben dem Staat eigentlich völlig wurscht. Eine winzige Minderheit ohne reale Macht, aber mit hohem symbolischen Potenzial. Das kann man für sich verwenden. Während man in Israel jedoch die eigene Homofreundlichkeit vor allem fürs Ausland herausstreicht (und Umfragen zufolge etwa 46 Prozent der israelischen Bevölkerung Homosexuelle für pervers halten), brüskiert man in Russland hemmungslos das Ausland und punktet lieber im Inland (wo Umfragen zufolge 38 Prozent Homosexualität für moralisch verwerflich und weitere 36 Prozent für eine psychische Krankheit halten; 39 Prozent sollen dafür sein, Homosexuelle auch ohne gegen der Willen zu „therapieren“ oder von der Gesellschaft zu isolieren und vier Prozent möchten sie gerne „liquidieren“). Keineswegs geht es in Russland also primär um „staatlich verordnete Homophobie“, vielmehr wird eine gesellschaftlich bereits vorhandene Homosexualitätsfeindschaft vom Regime populistisch genutzt.
Das ist übel. Dagegen kann und soll man etwas tun. Aber man sollte die Homosexualitätsfeindschaft nicht zum isolierten Thema machen. Es gilt, intersektionell zu denken. „Homophobie“ ist nur eine weitverbreitete kritikwürdige Einstellung, eine andere ist zum Beispiel Rassismus. Tagtäglich wird Jagd auf „Schwarzärsche“ (Menschen aus dem Kaukasus) gemacht, und mit asiatischer oder afrikanischer Herkunft muss man in Russland jederzeit sehr auf der Hut sein. Sollen Lesbenundschwule sich sagen: Was geht uns das an? Das ist schließlich kein LGBTIQ-spezifisches Problem. Wer so denkt, zeigt, dass die herrschende Homopolitik eine der weißen, bürgerlichen Konformisten ist. Und das ist sie ja wohl tatsächlich …
Wer sich über Putins Gesetz gegen „Homopropaganda“ empört und einen Boykott von Sotschi 2014 fordert, muss sich fragen lassen: Wärst Du auch noch für den Boykott, wenn das Gesetz aufgehoben würde? Wäre dann aus Deiner Sicht alles in Ordnung? Der Rest interessiert Dich nicht?
Ich meinerseits bin für einen Boykott: Aber aus den richtigen Gründen! Weil Olympische Spiele, wo immer sie stattfinden, widerlich sind. Weil Russland ein autoritär geführter, seine schwerwiegenden sozialen, ökologischen Probleme nicht einmal eingestehender, geschweige denn angehender Staat ist. Ich bin aber nicht für einen Boykott wegen des Gesetzes gegen „Homopropaganda“; das sind übrigens die organisierten russischen Schwulen (und …) auch nicht: Weil sie wohl zu Recht vermuten, dass Boykottaufrufe des Auslands ihre Situation in Russland verschlimmern. (Siehe hier.)
Darum schließe ich mich dem unter Schwulen (und …) grassierenden Protest nicht an. Und schon gar nicht, wenn ausgerechnet Sportler und Sportfunktionäre dabei zu (potenziellen) moralischen Vorbildern stilisiert werden. Dieses Getue anlässlich der Leichtathletikweltmeisterschaften in Moskau um lackierte Fingernägel und einen „lesbischen“ Kuss, der dann doch keiner war, sollte allen eine Lehre sein. Menschen, deren Lebensinhalt darin besteht, völlig sinnlose körperliche Höchstleistungen zu vollbringen, sind schwerlich geeignete Ansprechpartner für ethische und politische Themen. Ich bedaure sie, die nichts Besseres zu tun haben, und ich verabscheue die, die ihnen zujubeln und sie für „Helden“ halten. Wie hirnlos muss man sein, um jemanden dafür zu feiern, dass er seinen Körper ruiniert hat, um irgendeine belanglose Tätigkeit ein paar Hundertstelsekunden schneller als ein anderer auszuüben?
Ich boykottiere seit 47 Jahren jede Form von Sport. Ich werde also auch Sotschi 2014 boykottieren, das versteht sich von selbst. Ich werde es ausdrücklich auch deshalb tun, weil jener Ort, dessen ursprüngliche Bewohner (Sadsen, Ubychen, Schapsugen) im 19. Jahrhundert von Russen massakriert, vertrieben oder assimiliert wurden, durch die Zurüstung für die Winterspiele massiver Umweltzerstörung ausgesetzt ist. Aber ich werde nicht in das selbstgerechte Geheul jener einstimmen, die die Russländische Föderation wegen ihrer Homofeindlichkeit anklagen, aber in Ländern, die außerhalb der Touristengebiete nicht weniger schwulenfeindlich sind als Russland, gerne Urlaub machen. Oder jener, die Putin (zu Recht!) für einen autoritären Pseudodemokraten halten, aber den Machthabern des Westens dankbar zu Füßen liegen, wenn sie bloß ein paar warme Worte für ihre lieben, braven Schwuchteln finden.
Keinen Fußbreit dem Homonationalismus! Keinen Homo-Boykott gegen Sotschi! Nieder mit dem Leistungssport!
Aber auf mich wird ja wieder keiner hören …

Mittwoch, 21. August 2013

Augeschnappt (beim „Allherrn“)

Ich habe jedermann wie seinesgleichen geschaffen / und nicht befohlen, daß sie Unrecht tun. / Es ist (nur) ihr Wille, der meinem Wort zuwiderhandelt.


Altägypitscher Sargtext (Altägyptische Dichtung, ausgewählt,
übersetzt und erläutert von Erik Hornung, Stuttgart 1996, S. 117)

Samstag, 17. August 2013

Nessuno capisce il mio dramma

„Sono gay, tutti mi prendono in giro.“ (Ich bin schwul, alle verspotten mich.) Und: „Sono omosessuale, nessuno capisce il mio dramma e non so come farlo accettare alla mia famiglia.“ (Ich bin homosexuell, niemand versteht, was ich durchmache, und ich weiß nicht, wie ich es meiner Familie beibringen soll.) Das waren in der Nacht vom 8. auf den 9. August die letzten Notizen eines vierzehnjährigen Jungen in Rom. Dann fügte er sich Schnittwunden an Armen und in der Leistengegend zu, stieg um zwei Uhr nachts auf die Dachterrasse seines Wohnhauses und stützte sich von dort auf die Straße hinunter zu Tode.
Wer so etwas hört und nicht erschüttert ist, hat kein Herz. Wer so etwas hört und nicht wütend wird, hat keinen Verstand.
Wie allein gelassen muss der Junge gewesen sein, wie schwach sein Selbstbewusstsein, wie übermächtig seine Selbstverachtung, wie verantwortungslos seine Umgebung! Als Erwachsener weiß man — hoffentlich! —, dass die Verzweiflung des Jungen übertrieben war, weil er irrte, als er meinte, niemand verstehe ihn, niemand wolle ihm beistehen, niemand ihn beschützen. Jemand hätte ihm sagen können, dass es viele gibt, denen es geht wie ihm, dass keine Hänselei es wert ist, sich umzubringen, dass das ganze Leben und die Liebe noch auf ihn wartet, dass man auf das Gerede der anderen, so schmerzlich, so demütigend es ist, nichts geben darf, dass man ihnen ihren miesen Triumph nicht gönnen darf und dass es besser ist, ein stolzer Ausgeschlossener zu sein als ein bedauerter Toter.
Niemand hat es ihm gesagt. Niemand war für ihn da. Wir stehen in seiner Schuld. Möge seine arme Seele in Frieden ruhen.

Dass man bei einem solchen Selbstmord mit Trauer und Wut reagiert, ist, wie gesagt, selbstverständlich. Leider scheint es in unserer verkommen Welt auch schon geradezu selbstverständlich zu sein, dass bestimmte Leute sofort die Gelegenheit nutzen wollen, an dem erschreckenden Ereignis ihr abgestandenes ideologisches Süppchen aufzuwärmen. Identitätspolitischer Irrsinn schlägt einmal mehr erbarmungslos zu, denn unvermeidlicherweise hat der tragische Tod eines Vierzehnjährigen, der sich als schwul bezeichnet, auch die Berufslesbenundschwulen auf den Plan gerufen, die es immer schon gewusst haben und die sagen, was sie immer sagen: Der Staat muss her!
„Subito legge“ (ein Gesetz, aber sofort), fordern italienischen Medien zufolge einschlägige Vereinigungen. „Im italienischen Rechtssystem gibt es keinen Schutz vor Hassreden aufgrund der sexuellen Orientierung bzw. geschlechtlichen Identität“, klagt auf Deutsch thinkoutsideyourbox.net. Ja klar, solche Rechtsvorschriften hätten dem ragazzino echt geholfen! Dann wäre die Polizei einfach in die Schule gekommen und hätte alle Mitschüler und Mitschülerinnen verhaftet, die über Homosexuelle witzeln. Man fühlt sich als schwuler Jugendlicher doch erst so richtig akzeptiert, wenn endlich alle anderen im Knast sind.
Selbstverständlich kann und soll man über ein gesetzlich verankertes Diskriminierungsverbot reden, das vor Benachteiligung auf Grund von (manifester oder unterstellter) sexueller Orientierung schützt. Im Berufsleben oder bei der Wohnungssuche zum Beispiel. Hier sind Verbote sinnvoll, weil sie wirksam angewandt werden können. Aber was sollen Gesetze gegen „Hassreden“ anderes bringen außer systematischer Unehrlichkeit und einer Verlagerung der trotzdem stattfindenden Abwertung hinter einen Schirm von verbaler politischer Korrektheit? Wie will man solche Gesetze unter Kindern und Jugendlichen überhaupt durchsetzen? Wie zwischen Eltern und Kindern? Hätte der Vierzehnjährige, statt sich umzubringen, seine Familie und seine Altersgenossen anzeigen sollen?
„L’omofobia può uccidere“ (Homophobie kann töten), heißt es. Gewiss, Homophobie ist eine üble Sache. Aber worin besteht sie eigentlich? Handelt es sich um ein individuelles psychisches Problem oder um soziokulturelle Normen? Ist das eine wie das andere durch Gesetze steuerbar? Oder sind nicht im Gegenteil Gesetze nicht zuletzt Ausdruck einer bestimmten Moralisierungskultur? Wenn in einer Gesellschaft Homosexualität überwiegend abgewertet wird, können Paragraphen daran etwas ändern? Müsste man nicht zu Grunde liegende Einstellungen zu verändern versuchen, statt diese zu belassen, wie sie sind, und bloß darauf zu bauen, ausgerechnet der Staat, dieser Inbegriff von Schlamperei, Korruption und Willkür, werde schon für Recht und Ordnung sorgen?
Wie bequem im Übrigen, dass in Sachen „Homophobie“ die römisch-katholische Kirche immer zur Verfügung steht, nicht nur, aber besonders in Italien. Die Berufslesbenundschwulen hassen den Katholizismus, weil der ihre ideologischen Prämissen nicht teilt. Also ist die Kirche schuld, wenn sich Jugendliche umbringen, weil sie als Schwule verhöhnt werden. Schließlich haben die Pfaffen, das weiß doch jeder, gerade in Italien immer noch das Sagen. Ihre rückständige Sexualmoral behindert die ungehinderte Entfaltung natürlicher Sexualitäten. Tolle Logik. Hat nur nichts mit der Realität zu tun. Denn da die katholische Kirche bekanntlich nicht nur homosexuelle Handlungen ablehnt, sondern jede sexuelle Betätigung vor und außerhalb der Ehe, Selbstbefriedigung einbegriffen, müssten sich im Grunde fast alle unter dem Joch des Glaubens ächzenden Teenager umbringen, wenn ihnen ihre Sünden denn so zu Herzen gingen; blöd nur, dass die Katholiken auch noch gegen Suizid voreingenommen sind. In der wirklichen Welt wird man ja aber, wenn man gegen die kirchlichen Normen des Sexualverhaltens verstößt, von zeitgenössischen Mitjugendlichen in aller Regel nicht gemobbt und von der eigenen Familie für gewöhnlich nicht verstoßen, sondern ganz im Gegenteil eher für normal gehalten. Außerdem dürfte es, wenn bloß der Katholizismus an allem schuld wäre, in protestantisch-atheistisch geprägten Gesellschaften keine Selbstmorde von Jugendlichen geben, die sich als Schwule verfolgt fühlen. Die gibt es aber, siehe USA. Nein, die „Homophobie“ der italienischen Gesellschaft geht nicht von der katholischen Kirche aus, sie findet in dieser bloß ihren Widerhall.
Überhaupt: Von „Homophobie“ zu reden, dreht die Sache so, als ob ein Teil einer Mehrheit eine bestimmte Minderheit missachtete. Dem könne und müsse man durch strafbewehrte Aufklärung beikommen. In Wahrheit ist es freilich so, dass jene „Minderheit“ überhaupt nur existiert, weil es eine Mehrheit gibt, von der sie unterschieden wird. Es würde also völlig genügen, statt von Homophobie von Heterosexualität zu reden. Deren Existenz hängt davon ab, dass Homosexuelles aus der Mehrheit ausgeschlossen und in eine Minderheit ausgelagert wird. Heterosexuelle sind heterosexuell, weil sie nicht homosexuell sind, und sie sind deshalb nicht homosexuell, weil ausschließlich Homosexuelle homosexuell sind.
In einer freien Gesellschaft wäre es egal, welche sexuelle Präferenz jemad hat. In einer unfreien Gesellschaft wird Homosexualität zu Gunsten von Heterosexualität unterdrückt. In einer liberalen Gesellschaft nimmt diese Unterdrückung die Form eines begrifflichen und stilistischen Ghettos für „Homosexuelle“ an.
Statt aber die kulturelle und institutionelle Hegemonie der Heterosexualität zu attackieren, fordern Berufslesbenundschwule also einmal mehr, was sie immer fordern: Sonderschutzbestimmungen für Homosexuelle. Nicht gleiche Rechte für alle wollen sie, sondern Artenschutz für bestimmte Abweichler. Das lenkt wunderbar davon ab, dass die einschlägigen Vereinigungen, deren Vertreter jetzt große Reden schwingen, offensichtlich völlig versagt haben, wenn sie mit ihren Angeboten zu Beratung und Hilfe gerade jene Jugendlichen nicht erreichen, die selbstmordgefährdet sind.
Noch unappetitlicher werden die identitätsterroristischen Machenschaften der Berufslesbenundschwulen, wenn sie vom Thema Homophobie kaltschnäutzig zu ihrem eigentlichen Lieblingsthema ablenken, zur „Homo-Ehe“. Wie absolut unerträglich, nicht wahr, dass im so furchtbar katholischen Italien Schwule immer noch keine Schwulen und Lesben immer noch keine Lesben heiraten dürfen. Das ist nämlich genau das Problem, dass Vierzehnjährige umtreibt, die von ihren Altersgenossen gehänselt und gequält, von ihren Familien nicht unterstützt und womöglich sogar noch weiter heruntergemacht und bedrängt werden. Dass sie als Männer keine Männer und als Frauen keine Frauen heiraten dürfen, ist ganz sicher der Grund, warum Jugendliche sich umbringen.
Wäre es anders, hätte endlich auch Italien seine „Homo-Ehe“, dann würde selbstverständlich niemand mehr als Schwuler beleidigt und ausgegrenzt, sondern die potenziellen Peiniger würden sagen: Toll, das du schwul bist, und weil du, wenn du groß bist, heiraten darfst, sind wir jetzt schon ganz furchtbar nett zu dir und haben dich lieb.
In welchem Paralleluniversum leben die Berufslesbenundschwulen eigentlich, wenn sie im Ernst glauben, die „Homo-Ehe“ sei ein Instrument zur Reduzierung von „Homophobie“? Dass das Gegenteil der Fall ist, kann man in Frankreich sehen. Umgekehrt wird ja wohl eher ein Schuh daraus: Wenn der Anpassungswunsch der Homospießer mit dem Wunsch der Heterospießer, Abweichungen zum Verschwinden zu bringen und alles im Normalitätsterror zu ersticken, zusammenfällt, wird die Verrechtlichung auch nichtheterosexuelle Erwerbs- und Lebensgemeinschaften hoffähig. In einem gesellschaftlichen Klima, in dem die Ausgrenzung von Homosexualität so perfekt scheint, dass sie nur noch Homosexuelle betrifft, ist auch die „Homo-Ehe“ kein Problem mehr. Warum sollen die Homos denn nicht heiraten dürfen, solange sie es endlich nur untereinander tun? Dann haben die Heteros schließlich ihre Ruhe.

Der römische Junge, der sich zu Tode stützte, wurde gepiesackt oder erlebt es zumindest so. Wofür und wie genau, weiß man nicht. Seine Freunde, so heißt es, hätten nichts mitbekommen. Was hätten sie mitbekommen können? Er sei „schwul“, er sei „homosexuell“, sagte er in seinen Aufzeichnungen. (Und übrigens nicht, wie es unter anderem bei queer.de übersetzt wird „ein Homosexueller“.) Was genau meinte er damit? Was genau war es, das die, von denen er sich in die Enge gedrängt fühlte, zum Ansatzpunkt ihres Spotts und Hohns gemacht haben können?
Es gab Zeiten — ich weiß es, ich war dabei —, da konnte man als Vierzehnjähriger, wenn man nicht völlig unvorsichtig war, mehr oder minder ungestört seine inneren und äußeren Erfahrungen machen, ohne Gefühle und Handlungen klassifizieren und sich selbst eine Identität zuschreiben zu müssen. Seither hat sich allerdings viel verändert.
„Macht euer Schwulsein öffentlich!“, war einmal als emanzipatorischer Slogan gedacht, unwürdiges Versteckspielen sollte beendet und die Gesellschaft mit ihrem Verdrängten und Unterdrückten konfrontiert werden. Davon kann längst keine Rede mehr sein. Der Einzelne mag sein coming out als etwas Befreiendes erleben, für die Gesellschaft als Ganzes ist die Existenz von Homosexuellen längst keine Infragestellung mehr. Im Gegenteil. Nachdem es gelungen ist, Homosexualität als das Homosexuellsein der Homosexuellen aus dem Leben der Nichthomosexuellen hinauszudefinieren, besteht geradezu ein gesellschaftspolitischer Bedarf an einer eingrenzbaren „homosexuellen Identität“. Denn die Eingrenzung funktioniert, ob ihre Betreiber das bewusst wollen oder nicht, als Beschränkung.
Sexualwissenschaftliche Studien haben für die letzten Jahrzehnte einen massiven Rückgang gleichgeschlechtlicher erotischer Erfahrungen bei Jugendlichen festgestellt, was sich wohl nur so erklären lässt, dass es gerade die Permissivität ist, die der Homosexualität im Wege steht. Okay, lautet die unausgesprochene Norm, du darfst dich homosexuell betätigen, aber dann steh auch dazu zu und erkläre, dass du homosexuell bist. Anders gesagt, seit es eine anerkannte homosexuelle Identität gibt, der sich unterordnen zu müssen ständig als Drohung im Raum steht, ist es für viele Jungendliche undenkbar geworden, gleichgeschlechtliche Gefühle zuzulassen und gleichgeschlechtliche Handlungen auszuprobieren. Wer will schon mit seinem Kumpel ein bisschen rummachen, wenn ihm dafür lebenslanges Schwulsein droht?
Berufslesbenundschwule glauben und möchten glauben machen, das zu Grunde liegende Problem sei die negative Wertung von Homosexualität. Das aber stimmt allenfalls in repressiven Gesellschaften. In permissiven ist nicht so sehr die Bewertung das Problem, sondern dass es vorgefertigte Muster dafür gibt, was es heißt, schwul zu sein, und dass Handlungen nicht einfach Handlungen und Empfindungen nicht einfach Empfindungen sein dürfen, sondern verstanden werden müssen als Symptome einer inneren Wahrheit, die es an den Tag zu bringen gilt. Jeder weiß oder glaubt zu wissen, wie Schwule sind, wie sie reden, wie sie sich anziehen, wie sie sich bewegen, welche Musik sie hören usw. usf. Wie viele solcher Indizien aber braucht es im Einzelfall, um jemanden abzustempeln?
Jugendliche wachsen heute unter einem ungeheuren Heterosexualisierungsdruck auf. Schon im Kindergarten wird so manchen kleinen Jungen eine kleine Freundin zugeordnet. Noch vor der (immer früher einsetzenden) Pubertät und natürlich besonders in dieser muss ein Vokabular des Begehrens erlernt und angewandt werden, das mit den eigenen Erlebnissen zunächst sicher nichts zu tun hat, diese aber vermutlich sehr wohl langfristig strukturiert. Möglichkeiten des Ausdrucks der Freundschaft und der Zuneigung zwischen zwei Jungen, zwei Jugendlichem, zwei Männern, über die frühere Jahrhunderte ganz selbstverständlich verfügten, sind längst ausgelöscht und stünden, kämen sie noch vor, unter dem Generalverdacht: Ist da was? Die sind doch offensichtlich andersrum. Allerdings kann in einer auf- und abgeklärten Gesellschaft auch bei schlechterdings jeder andere Weisen von Männern, sich auf Männer zu beziehen (etwa beim Sport, beim Militär, bei den „Männerbünden“ in der Wirtschaft usw.), der Vorwurf der „verdeckten Homoerotik“ erhoben werden. Das Miteinander von Männern hat definitiv seine Unschuld verloren.
Die Option „Schwulsein“ vermindert nun den Heterosexualisierungsdruck nicht etwa, sie erhöht ihn sogar noch. Denn erstens stimmt sie für viele schlicht nicht. Wer nicht „exklusiv heterosexuell“ ist, ist deshalb noch lange nicht „exklusiv homosexuell“. Und zum anderen kostet es einiges an Überwindung, um die Kategorie des Homosexuellseins, wenn man sie denn als zutreffend empfindet — was im Alter von vierzehn Jahren schon ein gewagtes Urteil wäre —, auf sich anzuwenden und dies auch anderen mitzuteilen. Niemand soll das tun müssen. Zumindest nicht, bevor er dazu bereit ist.
Der römische Junge, der sich zu Tode stürzte, war offensichtlich nicht in der Lage, das ihm nahegelegte Konzept einer „homosexuellen Identität“ zu verkraften. Es spielt dabei keine Rolle, ob es in seinem Fall „stimmte“. Das spielt im Grunde nie eine Rolle. Es kommt vielmehr entscheidend darauf an, ob man aus dem Konzept für sich selbst etwas machen kann, was einen stärker, selbstbewusster, weniger verwundbar macht, oder ob es bloß zum Ausdruck jener Missachtung wird, die man bei anderen wahrnimmt und die man sich selbst gegenüber verspürt. Anders gesagt: Es geht darum, dass man nicht andere darüber entscheiden lässt, wen und wie man liebt, sondern dass man Liebe als Befreiung zu sich und zum anderen erleben kann.
Das geht nicht von heute auf morgen. Jeder wird sich, je nach seiner persönlichen Geschichte, anders dazu verhalten. Es braucht Glück dazu, und das heißt nicht zuletzt glückliche Zufälle. Ganz allein schafft es kaum einer. Darum haben schützende und unterstützende Gemeinschaften ihre Berechtigung und ihre Notwendigkeit. Für Jugendliche ist es zweifellos am schwersten. Darum sind sie wohl am meisten gefährdet.
Ich würde dieser Gefahr aber nicht bloß den Namen „Homophobie“ geben, ich möchte sie auch und nicht zuletzt gern als hegemoniale Heterosexualität bezeichnen — oder, wenn man so will, als „Heteronormativität“. Gewiss, in einem „homophoben“ Umfeld wird sexuelle Selbstbestimmung behindert. Das gilt freilich für alle Menschen. Auch die, die sich als Heterosexuelle begreifen, unterliegen der Normierung, sie bemerken es nur oft nicht. Den Abweichenden fällt es selbstverständlich auf. Statt nun aber eine zweite Normalität zu fordern, nämlich eine für die Minderheit neben der der Mehrheit, wäre es besser, auf Normalisierungen überhaupt zu verzichten. Besser, weil befreiender. Was soll es bringen, Heteronormativität um Homonormativität zu ergänzen? Das eine ist so repressiv wie das andere. Deshalb kommt es nicht so sehr darauf an, „Homophobie“ zu verbieten und eine gesetzlich geregelte Seid-nett-zu-den-Schwulen-Haltung an ihre Stelle zu setzen. Sondern es gilt vor allem, für ein gesellschaftliches Miteinander einzutreten, in dem Menschen nicht danach eingeteilt werden, welche sexuelle Orientierung sie haben. Dann ist es schlichtweg nicht mehr möglich, andere wegen ihres (tatsächlichen oder unterstellten) Schwulseins zu verspotten. Und niemand würde sich deswegen mehr umbringen.

Montag, 22. Juli 2013

À Trappes

Bekanntlich haben die Franzosen den Terror erfunden. Nicht die Sache, versteht sich, sondern den Begriff: la terreur, ins Deutsche treffend als Schreckensherrschaft übersetzt. Terror ist nämlich, das wird oft absichtsvoll übersehen, in erster Linie staatliches Handeln. Nichtstaatlicher Terrorismus ist demgegenüber der Versuch, die Staatsmacht zu imitieren und durch Gewaltanwendung Politik zu simulieren. La terreur jedenfalls bezeichnet nicht nur eine Phase der Französischen Revolution, sondern eine politische Grundhaltung: Rübe ab bei allen Feinden von Vernunft und Tugend!
Ganz in diesem Sinne funktioniert seit 2010 das gesetzliche Verbot der Verschleierung von Frauen in der Öffentlichkeit. Einmal abgesehen von der Missachtung des sonst so hochgehaltenen Grundsatzes der Gleichberechtigung der Geschlechter — warum dürfen anscheinend Männer verschleiert sein, Frauen aber nicht? —, drückt sich hier der Vernunft- und Tugendterror deutlich aus: Bestraft wird, wer „unsere“ Vorurteile nicht teilt. Denn eine in der Öffentlichkeit verschleierte Frau ist nicht einfach eine in der Öffentlichkeit verschleierte Frau, sondern zwangsläufig ein Symbol der Gegnerschaft zur „bei uns“ herrschenden Auffassung, wonach der weibliche Körper jederzeit zumindest visuell konsumierbar sein muss. Nicht das weibliche Individuum hat also darüber zu entscheiden, ob und wie es sich präsentieren möchte, sondern die Gesellschaft legt fest, dass Frauen in bestimmter Weise auszusehen haben. Das Gegenteil der öffentlichen Darbietung, die Präsentation bloß im Privaten, gilt demgegenüber als Unfreiheit. So oder so ist es aber das unterstellte männlich-heterosexuelle Begehren, das das Kriterium abgibt: Frauenkörper werden entweder durch permanente visuelle Verfügbarkeit oder permanente öffentliche Unverfügbarkeit sexualisiert.
Die beiden Modelle, das westliche und das „orientalische“, sind aber keineswegs symmetrisch. Denn während der Unterschied von „außer Haus verschleiert“ und „im Haus unverschleiert“ immerhin eine nachvollziehbare Logik hat, wäre es reichlich absurd, in der Öffentlichkeit als Nutte rumzulaufen, sich in den eigenen vier Wänden aber in einen Tschador zu hüllen …
Wie auch immer. Das französische Gesetz jedenfalls bringt das Ressentiment („Wieso sehen die nicht aus wie wir?“) in die Form eine exekutierbaren Rationalität („Es ist verboten, nicht auszusehen wie wir“). Ein klassischer Fall von Straftat ohne Opfer. Denn bestraft wird die Trägerin des Schleiers, ganz unabhängig davon, ob die Verschleierung ihre eigene Entscheidung ist oder ihr von anderen nahegelegt oder aufgezwungen wurde. Menschenverachtender kann die Durchsetzung von „Freiheit“ kaum verfahren. Frauen gelten in solchen Fällen de jure als unmündig: Sie können im Grunde gar nicht selbstbestimmt verschleiert sein — das weiß Vater Staat (Mutter Republik) besser als sie selbst —, da die Verschleierung prinzipiell im Widerspruch zur verordneten Konsumfreiheit steht. Und die ist, als Einheit von Demokratie und Kapitalismus, wichtigera ls alles andere.
Ganz Gallien ist also von Rechts wegen eine burkafreie Zone. Ganz Gallien? Nein. Im Städtchen Trappes hat jüngst die polizeiliche Perlustrierung eine verschleierten Frau zu Unruhen geführt. Ein mündiger Mitbürger setzte sich gewalttätig zur Wehr. Hunderte von Jugendlichen nutzten die Gelegenheit zur Rebellion. Gründe haben sie jederzeit mehr als genug. Steine flogen, Autos brannten. Knüppel und Tränengas waren die Antwort. Das Übliche halt.  Von rechts, ganz rechts und staatslinks wird Härte gefordert, wie immer. Es geht ja auch nicht um Religion oder Kultur. Es geht um die Macht, andere für minderwertig zu erklären und auszugrenzen. Mit anderen Worten: um den gesellschaftlichen Zusammenhalt, organisiert als Klassenkampf.
Das Burka-Verbot wird eben darum wohl bleiben. Zu perfekt verkörpert es das Recht des Staates, zwischen gut und böse zu unterscheiden und auf der Grundlage „religiöser Neutralität“ diesen Unterschied zu ethnisieren und in die sozialen Verhältnisse einzutragen. Oder hat man je davon gehört, dass die Ehefrau oder Tochter eines „Ölscheichs“, die elegant verhüllt bei Cartier und Dior shoppen geht, von der Staatsmacht wegen einer solchen Bagatelle wie dem Verschleierungsverbotshesetz belästigt worden wäre?