Mittwoch, 30. Dezember 2015

Glosse XXXIV

Dort sitzt (...) eine Frau in rotem Petit-Pois-Kleid (...) Aber Erbsen sind doch grün! Handelt es sich nicht vielleicht eher um Petit-point-Kleid?

Samstag, 19. Dezember 2015

Der Ruf der Moral

Moral hat einen schlechten Ruf. Nichts hören und sagen die Leute lieber, als dass es da eben verschiedene Auffassungen gibt, dass moralische Normen in stetigen Wandel begriffen sind, dass mal dieses, mal jenes gilt und überhaupt das meiste davon nicht mehr zeitgemäß ist. Moralvorstellungen werden fast immer nur mit Beiwörtern wie „überkommen“ oder „veraltet“ versehen und nie mit dem Zusatz „hochaktuell“. Dass Moral etwas von gestern ist, ist der schlimmste Vorwurf in einer immer nur am gerade Angesagten orientierten Zeit.
Und warum das alles? Weil Moral natürlich lästig ist. Wenn es nämlich Regeln dafür gibt, was man darf und nicht darf, was man soll oder muss, dann hindert das entweder daran, ganz nach Belieben zu handeln, oder aber, weil man’s ja trotzdem tut, droht einem ein schlechtes Gewissen.
Also kehrt man den Spieß um und erklärt Moral für etwas Schlechtes. Oder zumindest etwas Spießiges und Verklemmtes, etwas, was der freien Entfaltung im Wege steht. Manche behaupten sogar, Moral sei etwas für Heuchler. Die Logik dahinter: Wir tun sowieso, was wir wollen, wer also sagt, man dürfe nicht alles, widerspricht sich selbst, weil er eigentlich ja doch tun will, was er will. Kriterium der Moralkritik ist somit die Unmoral, die Nichtbeachtung von Regeln gilt als deren Widerlegung, Normen werden als „kontrafaktisch“ abgekanzelt.
Aber selbstverständlich handeln in Wahrheit auch die, für die moralisch ein Schimpfwort ist, sehr wohl nach Normen. Nur begreifen sie sie nicht. Der Wandel von moralischen Systemen kommt ja nicht von ungefähr. Dass er durch „Aufgeklärtheit“, also Erkenntinsgewinn, zu Stande komme, ist bloß Propaganda. Es sind äußere Bedingungen, die Veränderungen fordern oder erzwingen. Irgendwer profitiert davon, wenn Menschen nicht mehr nach den bisherigen Regeln handeln, sondern sich neuen unterwerfen.
Der Trick besteht darin, die Unterwerfung als Gewinn an Freiheit zu verkaufen. Als es beispielsweise nicht mehr als unmoralisch galt, für verliehenes Geld Zinsen zu verlangen, war dem Kapitalismus Tür und Tor geöffnet. Das große Geldverdienen konnte beginnen. Dass dabei den Reichtum der einen die anderen, Verarmenden, finanzieren, stand nicht einmal im Kleingedruckten. (Die römisch-katholische Kirche betrachtete das Zinsennehmen bis 1830 offiziell als Sünde, erst dann passte sie sich. Der moralische Umbau hatte drei- bis vierhundert Jahre früher eingesetzt und den Protestantismus erzeugt: Ablasshandel pfui, kapitalistische Ausbeutung hui!)
Nicht jeder Wandel in den Moralvorstellungen ist allerdings schlecht. Die Kriterien dafür sind aber nicht dem zu entnehmen, was ist, sondern die Frage lautet, was sein soll. Darum geht es in der Ethik. Einmal wollte mir einer aufschwatzen, in der Ethik gehe es um Potenzialität und Intensitäten und solchen Kram. Nein, erwiderte ich, es geht um richtig oder falsch, darum was man tun und was man lassen soll. Wäre das, was ist, immer schon das, was sein soll, wäre jede Schweinerei a priori gerechtfertigt (zumindest wenn sie möglichst „intensiv“ ist …) Dem ist aber nicht so. Es gibt einen Unterschied von Sein und Sollen. Und das soll auch so sein.
Ethisch reflektierte und begründete Moral ist ein Mittel, das Verhalten und damit die Verhältnisse einer praktischen Kritik zu unterziehen und der Unterwerfung unter Moden und Hegemonien Widerstand entgegenzusetzen. Das wollen viele nicht. Sie wollen nicht kritisiert werden und sich nicht selbst kritisch betrachten. Sie wollen sein, wie sie glauben, dass alle sind oder zumindest sein wollen. Darum orientieren sich an dem, was sie meinen, dass praktisch gilt, nicht an dem, was theoretisch gelten soll. Moral, verstanden nicht als deskriptive, sondern als präskriptive, ist da nur lästig. Und darum hat sie einen schlechten Ruf.

Sonntag, 13. Dezember 2015

Notiz im Advent (3)

Gott ist der Sinn von allem. Er ist der, um den es geht, zuerst und zuletzt. Alles, was ist, ist auf ihn hin ausgerichtet. Was nicht auf ihn hin ausgerichtet ist, also das Böse, ist sinnlos und existiert im Grunde gar nicht. Wohl aber gibt es die Wirkungen des Bösen, also zum Beispiel das Leiden. Zum Leiden kommt es, wenn das, was ist, nicht damit übereinstimmt, wie es sein soll. Denn Gott hat die Welt gut geschaffen, aber die Sünde, also die nicht auf Gott hin ausgerichtete, um Gottes willen getane Tat (oder Unterlassung), macht sie schlecht.
Wir leiden an der Schlechtigkeit der Welt. Wir leiden am Widerspruch zwischen dem, was sein könnte und sein sollte, und dem, was nicht sein soll, aber sinnloserweise ist. Niemand soll krank sein, hungrig, einsam, bedroht, verfolgt, verletzt, gequält usw. usf. Viele aber sind es. Das ist gegen Gottes Willen. Denn Gott will nur das Gute. Alles, was er will, ist gut.
Wir kennen oft weder die Ursachen unserer Lage, noch überblicken wir immer die Folgen unseres Handelns. Aber wir können wissen: Wer gegen Gottes Willen handelt, verursacht Schlechtes, handelt böse. Es ist sinnlos, nach einer letzten Ursache des Bösen zu suchen, es hat keine, es gibt keinen Grund dafür, es ist sinnlos.
Nur das Gute ist sinnvoll. Alles Gute kommt von Gott. Alles Gute führt zu Gott. Er ist der Sinn von allem. Ohne ihn ist alles sinnlos.
Man könnte auch sagen, der Sinn Gottes ist seine Schöpfung, sind seine Geschöpfe. Denn er ist für sie da. Er schuf sie und erhält sie. Er ist der Ursprung alles Guten, das ihnen widerfährt. Gottes Dasein ist die Güte selbst.
Alles strebt nach dem Guten. Darum müssen wir in unserem Tun und Lassen nach der Erfüllung von Gottes Willen streben, denn etwas Besseres als das, was Gott (für uns) will, gibt es nicht. Das Leid, das uns widerfährt, darf uns nicht hindern, aber die Freude, die wir auch erfahren, soll uns antreiben. Dann wird alles gut.

Sonntag, 6. Dezember 2015

Notiz im Advent (2)

Gott ist eine ausgezeichnete Ausrede. Wenn man sich auf Gott beruft, scheint alles erlaubt. Auch die größte Schweinerei. Der Grund ist einfach: Mit der Offenbarung diskutiert man nicht. Entweder ist etwas Gottes Wille oder nicht. Wenn es aber Gottes Wille ist, dann ist es unbedingt zu tun und es zu unterlassen wäre Sünde. Wer also nicht sündigen will, aber etwas nicht zu tun bereit ist, was als Gottes Wille gilt (oder etwas tun möchte, von dem es heißt, es verstoße gegen Gottes Willen), dem bleibt nichts anderes übrig, als die Gültigkeit der Berufung auf Gottes Willen in Frage zu stellen.
Und genau hierin liegt die Gefahr, wenn jemand sich zu Unrecht auf Gott beruft. Denn nicht nur werden dadurch, was schlimm genug ist, Menschen zum Falschen, gar zum Bösen verführt, sondern indem Gott fälschlich als Begründung für dies und jenes herangezogen wird, droht für viele die Berufung auf Gott überhaupt unglaubwürdig zu werden.
Darum machen manche, besonders in den westlichen Konsumgesellschaften, es sich leicht: Man wisse weder, ob es Gott überhaupt gebe, noch was er genau wolle. Einige gehen den leichtesten Weg: Gott gibt es nicht, darum ist es Unsinn, seinen Willen tun zu wollen. Glaube erscheint dann als Uneinsichtigkeit, als Rückständigkeit, als Marotte.
Dabei gibt es ein einfaches Mittel, wahre von falschen Berufungen auf Gott zu unterscheiden. Man muss nur die Frage stellen, welcher Glaube und welche sich aus diesem ergebenden Handlungen machen den Menschen frei, lassen ihm seine Würde, unterstützen die Entfaltung seiner Möglichkeiten, erlauben ihm ein freies und gerechtes Zusammenleben mit anderen Menschen?
Und da zeigt sich nun, dass sowohl die religiösen Fundamentalismen wie auch die fundamentalen Atheismen zutiefst menschenverachtend waren und sind. Der einzelne Mensch gilt ihnen nichts, sie berauben ihn seiner Handlungsmöglichkeiten, unterdrücken seine Potenziale, erniedrigen ihn und beschädigen seine Gesundheit, zerstören sein Leben. Dasselbe tut übrigens auf sehr viel raffiniertere Weise der nahezu jede Opposition integrierende (oder zumindest instrumentalisierende) Marktiberalismus der westlichen Demokratien, in denen jeder, solange er den Betrieb nicht stört, nach seiner Façon selig werden darf, weil er ohnehin nur als statistisches Moment in Produktion und Konsumation zählt. Vielfalt, Freiheit und Selbstbestimmung werden groß geschrieben, aber im Kleingedruckten steht, dass aufwändig kontrolliert, geängstigt, bespaßt, manipuliert und gegängelt werden muss, damit keiner auf die Idee kommt, kluge Fragen zu stellen und von deren Beantwortung den Sinn des Funktionierens abhängig zu machen.
An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen. Welche Religion (oder Religionsverweigerung) sorgt sich wirklich um die Menschen, welche muss als bloßer Vorwand gelten, um Ausbeutung, Krieg, Elend, Wohlstands-verwahrlosung, Umweltzerstörung usw. usf. zu rechtfertigen?

Samstag, 5. Dezember 2015

Sonntag, 29. November 2015

Notiz im Advent (1)

Gott passt nicht mehr in unsere Zeit. So scheint es jedenfalls, und man kann sich auf zwei Weisen dazu verhalten. Zum einen kann man Gott die Schuld geben und ihn verwerfen, weil die Zeit eben ist, wie sie ist, und Vorrang hat. Was nicht zeitgemäß ist, ist überflüssig. Was nicht mehr zu uns passt (wer auch immer wird sind, wer wir sind, und warum auch immer wir sind, wie wir sind), das Unpassende also, das sich nicht anpassen kann oder will, muss weg. Oder aber man sagt: Wenn Gott und Zeit nicht mehr zusammenpassen, dann muss die Zeit sich ändern.
Wem Gott mehr ist als irgendein Begriff, nämlich ein Name für eine echte persönliche Erfahrung, nicht bloß eine Erfahrung mit Leuten, die behaupten, an Gott zu glauben, sondern eine eigene Erfahrung des Göttlichen, wer also je wirklich mit Gott zu tun hatte, der wird ihn nicht lassen wollen. Wer aber mit Gott nie etwas zu tun hatte, ist niemand, dem ein Urteil zusteht.
Erschreckend viel kann über Gott gesagt werden, was Unsinn ist. Aber nur darauf kommt es an, Gott als den Sinn von allem zu erleben.
Die Zeiten sind nicht gut. Diese Zeit, wie bisher jede Zeit, ist übel. So viele Menschen führen äußerlich und innerlich beschädigte Leben. Viele leiden an Verhältnissen, die eine Schande sind (Hunger, Elend, Ausbeutung, Krieg, vermeidbare Krankheiten, Unbildung, Verdummung usw. usf.) Viele leiden an der Bosheit ihrer Mitmenschen. Manche leiden am eigenen Unvermögen. Allen fehlt etwas, ob sie es wissen oder nicht. Und selbst wenn sie alles hätten, was man überhaupt haben kann, wenn alle Sorgen abgeschafft und eine glückliche Gesellschaft hergestellt wäre — wozu das alles?
Ohne Gott ist alles sinnlos. Denn ohne ihn ist diese Welt nur ein Haufen Elend (mit allenfalls ein wenig Glück ab und zu). Die Menschen schicken sich nicht an, den Haufen zu verringern. Für jedes bisschen Elend, das sie beseitigen, schaffen sie ein neues, womöglich größeres. Doch selbst wenn morgen alles Elend verschwände, es bliebe das Elend, das gewesen ist. Es blieben das Unglück der Vergangenheit und der Tod.
Ohne Gott kann nichts gut werden. Nichts, was ist, und nichts, was war. Die Zeiten müssen sich ändern. Diese Zeit muss sich ändern. Wir müssen uns ändern. Wenn Gott nicht mehr in unsere Zeit zu passen scheint, dann umso mehr.

Sonntag, 22. November 2015

Als die Leute nicht mehr zwischen Sprache und Schreibe unterscheiden konnten, war die Sache gelaufen.

Zur Gleichheit der Religionen

Im Grunde ist es ganz einfach: Die verschiedenen Religionen machen verschiedene Aussagen über die Wirklichkeit. Hält man an der herkömmlichen Logik fest, so können zwei einander widersprechende Aussagen nicht beide wahr sein. Allerdings können sie beide falsch sein. Wer also behauptet, alle Religionen seien gleich, kann dies sinnvollerweise nur dann, wenn alle Aussagen aller Religionen unwahr sind. Anders gesagt, nur ein vorausgesetzter Atheismus erlaubt die Aussage, alle Religionen seien gleich.
Man wird einwenden wollen, dass mit Gleichheit ja gar nicht gemeint ist, dass die Religionen dasselbe sagen (was sie offensichtlich nicht tun, auch und gerade im Wesentlichen nicht) oder dass das, was sie sagen, gleichermaßen wahr sei, sondern dass alle Religionen gleichwertig seien und darum gleichberechtigt sein sollten. Doch auch diese Behauptung ist nur unter der Bedingung sinnvoll, dass alle Religionen die Unwahrheit sagen, denn wenn bestimmte Religionen Unwahres lehren und andere (oder nur eine) Wahres, wie kann man dann behaupten, sie seien alle gleichwertig? 
Aus verschieden Aussagen über die Wirklichkeit werden verschiedene Schlüsse über richtiges oder falsches Handeln gezogen. Wenn nun eine Religion lehrt, dass X zu tun erlaubt sei, Y aber nicht, und eine andere genau umgekehrt, dass man Y tun und Y lassen müsse, können nicht beide Recht haben, allerdings beide Unrecht. Da nun aber Aufforderungen zu richtigem und Aufforderungen zu falschem Handeln schlechterdings nicht gleichwertig sind, können also nur dann alle Religionen als gleichwertig betrachtet werden, wenn nicht nur ihre Aussagen über die Wirklichkeit, sondern auch die aus diesen abgeleiteten Handlungsaufforderungen falsch (nämlich Aufforderungen zu falschem Handeln) sind. Wiederum gilt, dass die These von der Gleichwertigkeit aller Religionen Atheismus voraussetzt.

Was genau wirft man den diversen „Fundamentalisten“ denn eigentlich vor? Dass sie an etwas Bestimmtes glauben? Aber darf denn in unserer wunderbaren pluralistischen Gesellschaft nicht jeder glauben, was er will? Also kann man Fundamentalisten eigentlich nur vorwerfen, dass sie ernst nehmen, woran zu glauben sie behaupten. Und ausgerechnet das wäre mir an ihnen fast sympathisch, wenn wir uns über die Methoden des Ernstnehmens nicht so fundamental uneins wären.

Samstag, 21. November 2015

Was seine Grenzen hat

Es stimmt: Deutschland ist hinsichtlich der Flüchtlinge an seine Grenzen gelangt. Aber nicht die des Könnens, sondern die des Wollens. Selbstverständlich kann sich ein stinkend reiches Land wie die BRD ein paar hunderttausend Flüchtlinge leisten. Zumal die allermeisten davon nicht der öffentlichen Hand auf der zugeknöpften Tasche liegen, sondern für ihren Lebensunterhalt nach Möglichkeit selber sorgen wollen. (Übrigens gerade die „Wirtschaftsflüchtlinge“.) Selbstverständlich ließe sich die Einwanderung so organisieren, dass ein weitgehend reibungsfreies Zusammenleben möglich ist. Selbstverständlich wäre es nicht das Schlechteste, was Deutschland passieren kann, wenn es sich durch Zuwanderung veränderte. Aber all das will man nicht. Die Masse der Leute will es nicht und die Politik auch nicht. Es wäre ja auch inkonsequent. Die BRD ist eine wesentliche Säule jener Weltwirtschaftsordnung, die in globalem Maßstab dafür sorgt, dass die Reichen reicher werden und die Armen diesen Reichtum finanzieren. Jetzt vorzuführen, dass es auch anders ginge, dass man vom Reichtum abgeben und Arme, statt sie mit ein paar Brosamen abzuspeisen („Entwicklungszusammenarbeit“), zu gleichberechtigten Teilhabern am gesellschaftlichen Wohlstand machen kann, jetzt also statt profitorientiert menschlich und vernünftig zu handeln, das wäre dem Kapitalismus ein Schuss nicht nur ins Knie, sondern in den Rücken.

Donnerstag, 19. November 2015

Seltsam. Wer sagt: Meine Religion ist besser als deine Religion, verstößt gegen „unsere Werte“. Aber wer sagt: Unsere Werte sind besser als deren Werte, gilt als aufgeklärt.

Freitag, 13. November 2015

Glosse XXXIII

Das Endergebnis der Wahl in Myanmar steht fest: Oppositionsführerin San Suu Kyi hat die meisten Sitze im Parlament errungen. Da frage ich mich jetzt naturgemäß: Wird sie auf denen abwechselnd sitzen oder sie übereinander stapeln und obenauf thronen?

Samstag, 7. November 2015

Abschiebung statt Deportation. Sterbehilfe statt Euthanasie. Abtreibung statt Kindsmord. So redet man sich auf Deutsch Unrecht schön.

Montag, 2. November 2015

Freitag, 23. Oktober 2015

Kaum ein Gedanke ist so originell, dass ihn nicht jemand anders auch schon gedacht hätte. Aber das haben Sie sich ja bereits selber gedacht, was?

Mittwoch, 21. Oktober 2015

Was man alles so zusammenschreiben kann! „Thomas Malthus (1766-1834), der als einer der ersten Darwinsche Evolutionsgesetze auf die menschliche Gesellschaft übertrug“ — Malthus muss damit sogar besonders früh drangewesen sein, denn in seinem Todesjahr befand sich der 25-jährige Darwin noch an Bord der HMS Beagle. Darwins Auswertungen seiner Reise waren erst ab 1838 nachzulesen, sein Hauptwerk über die „Entstehung der Arten“ erschien gar erst 1859, ein Vierteljahrhundert nach dem Tod von Malthus. Wenn schon, dann hat also dieser jenen beeinflusst, nicht umgekehrt. Wie ja auch die evolutionistische Ideologie eine Projektion der kapitalistischen Verhältnisse auf das Tier- und Pflanzenreich ist, wodurch sich eine „Übertragung“ biologischer „Gesetze“ auf die menschliche Gesellschaft erübrigt.

Sonntag, 18. Oktober 2015

Aufgeschnappt (bei einem Spanier)

La masa arrolla todo lo diferente, egregio, individual, calificado y selecto. Quien no sea como todo el mundo, quien no piense como todo el mundo, corre el riesgo de der eliminado. *


José Ortega y Gasset (9. Mai 1883 — 18. Oktober 1955)

* Die Masse überwältigt alles, was anders ist, was ungewöhnlich, individuell, hervorragend und etwas Besonderes ist. Wer nicht ist wie alle Welt, wer nicht denkt wie alle Welt, läuft Gefahr, ausgelöscht zu werden.

Freitag, 16. Oktober 2015

Das Wort „Anreize“ finde ich abscheulich. Reden wir von Menschen oder von Laborratten?

Seltsam. Geschrieben wird „verteilen“. Und ich lese immer „vereiteln“.

Manche tun so, als sei, was man „Flüchtlingskrise“ nennt, eine Art Angriff auf Europa. Es ist aber keiner. Ich bedaure das.

Die Hinzukommenden sollen sich den schon Vorhandenen anpassen statt umgekehrt. Ganz schlechte Idee. Deutsche Deutsche gibt es schon genug. (Und deutsche Österreicher mehr als genug.)

Ich war noch nie in Syrien oder Somalien und weiß also nicht aus eigenem Erleben, was die Leute dort so für eine „Kultur“ haben. Aber ich war schon ein paar Mal in Deutschland und Österreich und dachte mir oft: Da geht noch was. (Um’s freundlich zu formulieren.)

Ich hör immer „Grenzen schützen“. Vor wem oder was denn bitte? Vor unbewaffneten Männer, Frauen und Kindern? Vor menschlicher Not?

Sonntag, 4. Oktober 2015

Samstag, 3. Oktober 2015

Zum Feiertage

Tag für Tag sind in Deutschland zwei Dinge zu hören. Erstens, dass das Grundgesetz eine wunderbare Sache ist. Zweitens, dass Ausländer sich an die Gesetze halten müssen. Beides ist nicht falsch. Aber dann kommt alle naselang gerade von jemandem, der eben noch das Grundgesetz bejubelt und auf der unbedingten Geltung der deutschen Rechtsordnung bestanden hat, der Vorschlag, so ein bisschen am Grundgesetz herumzubasteln und das eine oder andere Grundrecht ein bisschen einzuschränken. (Derzeit in der Diskussion: das Grundrecht auf Asyl.) Recht muss Recht bleiben, aber wir ändern die Gesetze, wie es uns gefällt. Wie das zusammenpasst? Ganz wunderbar. In Deutschland liebt man Vorschriften über alles, sieht aber ihren Zweck ausschließlich darin, dass andere sich daran halten müssen.

Dienstag, 29. September 2015

Glosse XXXI

Er befreit sich von ersehntem Geltungsbedürfnis, schreibt eine. Wenn er das Bedürfnis aber noch gar nicht hat, sondern es erst ersehnt, wie macht er sich dann davon frei? Und warum eigentlich, wenn er es doch ersehnt?

Glosse XXX

Typuserkrankung — das nenn ich mal eine gelungene Verschreibung! Denn tatsächlich kranken ja gar nicht so wenige an ihrem Typus.

Sonntag, 27. September 2015

„Die Religion sagt, dass Gott uns geschaffen hat, und die Wissenschaft, dass Gott vom Affen abstammt.“

Donnerstag, 24. September 2015

Wenn die Populisten sagen, dass sie die Ängste der Leute ernst nehmen, glaube ich ihnen das sogar. Sie nehmen sie ernst, weil sie ihr Kapital sind. Und das wollen sie um jeden Preis vermehren.

Dienstag, 22. September 2015

Also aus meiner Sicht ist das menschliche Denkvermögen nicht dazu da, es sich in der Welt gemütlich zu machen.

Montag, 21. September 2015

Was heißt Bielefeld auf Arabisch?

„Die“ müssen erst einmal Deutsch lernen. Heißt es. Aber warum eigentlich? Warum lernen nicht „die Deutschen“ erst einmal beispielsweise Arabisch? Der Aufwand für den Einzelnen ist so ziemlich derselbe, ob nun einer, der Arabisch kann, Deutsch lernt, oder einer, der meint, Deutsch zu können, Arabisch lernt.
Aber das geht doch nicht, wird man einwenden, hier ist doch Deutschland. Na und, erwidere ich dann, deshalb darf man keine Fremdsprachen können? Niemand muss ja Deutsch verlernen, wenn er beispielsweise Arabisch lernt. Englisch wollen doch auch alle können. Schafft sich Deutschland deswegen etwa ab?
Aber Sprachkenntnisse sind doch eine Voraussetzung für gelingende Integration, wird man einwenden. Eben, erwidere ich dann, und weil die Sprachkenntnisse der Flüchtlinge ja bereits vorhanden sind (einige können zum Beispiel Arabisch), muss bei den mangelnden Sprachkenntnisse „der Deutschen“ nachgebessert werden, sie sollten zum Beispiel dringend Arabisch lernen. Man wird doch nicht im Ernst von Menschen, die traumatische Fluchtbiographien haben und sich ohnehin erst im fremden Land halbwegs einrichten müssen, auch noch verlangen, gerade jetzt eine fremde Sprache, noch dazu das komplizierte Deutsch mit seiner tückischen Grammatik aus lauter Ausnahmen und Willkürlichkeiten zu erlernen? Ein bisschen mehr Willkommenskultur, wenn ich bitten darf!
Aber, wird man einwenden, im Verkehr mit den Behörden ... am Arbeitsplatz ... im Alltag ... also, das geht doch nicht. Wieso denn nicht, erwidere ich dann, je mehr Leute eine Fremdsprache können, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass jemand mit einer Übersetzung aushelfen kann. Ideal wäre es natürlich, wenn gleich die Fremdsprachigen die Behörden und Betriebe übernähmen, dann wäre die Integration so ziemlich gesichert.
Aber ..., wird man einwenden wollen. Nichts aber, schneide ich dann das Wort ab. Das wäre überhaupt die Lösung! Um für Neuankömmlinge Platz zu machen, räumt man einfach komplett eine deutsche Großstadt. Inländer raus, Ausländer rein. Na gut, wer nicht mehr so richtig mobil ist, darf bleiben. Ansonsten wird halt mitten in Deutschland aus einer deutschsprachigen Stadt eine fremdsprachige. Die sich dann selbst verwaltet und bewirtschaftet. Was heißt zum Beispiel Bielefeld auf Arabisch?

Glosse XXIX

Wegen seiner technischen Herausforderungen gilt die Oper als fast unspielbar. Das muss man doch hören, dass das falsch ist!

Sonntag, 20. September 2015

Glosse XXVIII

Wer ein riesen Sortiment verheißt, verspricht mehr Adjektivität, als er halten kann.
Verbraucherschutz bedeutet, dass man dafür zu sorgen versucht, dass die Leute an dem Dreck, den man ihnen verkauft, nicht gleich krepieren, weil die Ahnung, dass dem doch so sein könnte, das Kaufverhalten ungünstig beeinflussen dürfte.

Freitag, 18. September 2015

Europa versagt nicht in der Flüchtlingskrise

Ich weiß gar nicht, was die Leute wollen, Europa funktioniert doch sehr wohl. Es funktioniert, wie es immer funktioniert hat und wozu es gegründet wurde: Die Reichen reicher zu machen und die Armen in Schach zu halten. Das ist nicht zynisch, wie’s jetzt gleich wieder heißt, das ist realistisch. 
Wer meint, die „europäischen Werte“ hätten je eine anderen Zweck gehabt, als die Profitmaximierung auf Kosten von Mensch und Natur mit ein paar schönen Phrasen zu umnebeln, damit die Geschäfte möglichst reibungsfrei abgewickelt werden können, hat wohl in den letzten Jahrzehnten nicht richtig aufgepasst. Schon mal was von Neoliberalismus gehört? 
Ja, sicher, so etwas wie die Menschenrechtskonvention ist eine schöne Sache, durchaus, aber sie wäre gar nicht nötig, wenn die Erfahrung nicht gezeigt hätte, dass die Nationalstaaten dazu neigen, ihren eigenen Bevölkerungen hin und wieder an die Gurgel zu gehen. Das aber ist schlecht fürs Geschäft. Und was das in Deutschland so beliebte Grundgesetz betrifft: Mal im Ernst, wenn Artikel 1, worin es heißt, dass die Würde des Menschen unantastbar sei, wirklich etwas bedeutete, gäbe es dann Hartz IV mit allen Schikanen? 
Wie auch immer. Was jetzt passiert, die breit gestreute und doch immer wieder punktgenaue Unfähigkeit, ein paar Hunderttausend Menschen anständige Zuflucht zu gewähren, ist kein Versagen des real existierenden Europas, sondern dessen ganz normales Funktionieren. Sozusagen das Gegenstück zur Bankenrettung (Reiche reicher machen). Flüchtlingen das Flüchten und Geflüchtetsein so schwer und unangenehm zu machen, wie es gerade noch möglich ist, ohne dass es einen Volksaufstand gibt (weil die Menschen dann doch nicht die Unmenschen sind, zu denen man sie erzieht) — was ist das, wenn nicht: die Armen in Schach halten. 
Souverän ist, wer von Krisen, die er selbst auslöst, zu profitieren versteht. Wer jetzt so tut, als sei es etwas Neues, dass die Nationalstaaten sich vor sozialer Verantwortung drücken und im Zweifelsfall auf mehr Kontrolle und Abgrenzung setzen, dem ist nicht zu helfen. Europa aber, diese Bande von Nationalstaaten, versagt nicht in der Flüchtlingskrise, es erzeugt, steuert und nutzt sie.

Dienstag, 15. September 2015

Hoffnung auf eine andere Revolution

Unter der bemerkenswerten Überschrift „Ich hoffe auf eine andere Revolution“ bloggte der Göttweiger Benediktiner P. Johannes Paul Abrahamowicz am 27. August: „Wenn die Regierung weiterhin bereitwillige Menschen daran hindert, Flüchtlinge aufzunehmen, nur weil die Lebensbedingungen, die sie anbieten, irgendwelchen Gesetzen nicht 100%ig entsprechen, werden diese bereitwilligen Österreicherinnen und Österreicher, hoffentlich bald auf diese Gesetze pfeifen, auf diese ‘Überlieferungen der Menschen’ (Evangelium am Sonntag Mk 7,8). Oder ist jemand unter ihnen, der schlechtere Lebensbedingungen anbietet als Traiskirchen?“ (Der Vers aus dem Markusevangelium, auf den der Pater anspielt, lautet: „Ihr gebt Gottes Gebot preis und haltet euch an die Überlieferung der Menschen.“)
Und dann setzt der Mönch hinzu: „Mensch ist Mensch und Not ist Not (vgl. 2. Lesung Jak 1,27). Diese Binsenweisheit tragen viele von uns im Herzen, wohl mehr als manche in der Regierung wahrhaben wollen. Hoffentlich schaffen es möglichst viele Österreicherinnen und Österreicher, (…) diese Binsenweisheit noch vor Oktober womöglich flächendeckend in die Tat umzusetzen! Damit wären zwar nicht alle Probleme aus der Welt geschafft, aber vielleicht so manche sture Barriere aus dem Gesetz.“ (Das Jakobuszitat lautet: „Ein reiner und makelloser Dienst vor Gott, dem Vater, besteht darin: für Waisen und Witwen zu sorgen, wenn sie in Not sind, und sich vor jeder Befleckung durch die Welt zu bewahren.“)
Mensch ist Mensch und Not ist Not. Das ist, Binse hin oder her, wirklich weise. Es sei allen ins Stammbuch geschrieben, die unbedingt zwischen „tatsächlichen Flüchtlingen“ und „Migranten“ unterscheiden wollen und sich so schrecklich sorgen, ob auch die richtigen, die zu „uns“ Passenden ins Land kommen und nicht viel zu viele von den falschen, den allzu Bedürftigen, allzu Bereitwilligen, allzu Bedrohlichen.
Mensch ist Mensch und Not ist Not. Und basta. Amen.

Sonntag, 13. September 2015

Hat wirklich irgendjemand irgendwann irgendwo behauptet, alle Flüchtlinge seien gut? Ich war’s sicher nicht. Ich bin im Gegenteil sogar der Überzeugung, dass unter den Flüchtlingen auch viele sehr schlechte Menschen sind. Warum um Himmels willen sollten Flüchtlinge besser sein als Nichtflüchtlinge? Unter ihnen sind mit Sicherheit Menschen mit unmöglichen politischen Überzeugungen, schlechten Manieren, üblen Lastern und bösen Absichten oder problematischen Vorgeschichten. Nur dass das alles nichts damit zu tun hat, wie Menschen, die helfen können, sich angesichts von Menschen in Not zu verhalten haben. Es ist nicht die moralische Qualifikation meines Nächsten (und auch nicht seine politische, religiöse, weltanschauliche), die mich zum Handeln verpflichtet. Man lese mal Lk 10,25-37 nach, das Gleichnis vom barmherzigen Samaritaner (das Jesus als Antwort auf die Frage, wer ist mein Nächster?, erzählt): Ein Priester und ein Levit gehen an dem von den Räubern halb tot Geschlagenen vorüber; der aber, der dann hilft, fragt nicht, ob der, der Hilfe braucht, dieselbe Religion oder Volkszugehörigkeit hat wie er selbst oder ob er auch ja ein guter Mensch ist. Er tut, was nötig ist. „Gehe hin und handle ebenso.“

Freitag, 11. September 2015

Ungleiches Recht für Flüchtlinge

Letztens diskutierte ich auf facebook darüber, ob man zwischen „tatsächlichen“ und „sogenannten“ Flüchtlingen unterscheiden müsse. Manche meinen ja, man müsse da strikt unterscheiden und die einen abweisen und zurückschicken, um den anderen helfen zu können. Ich selbst bin gegen eine von außen an Menschen herangetragene und ihnen (mit existenziellen Folgen) auferlegte Unterscheidung, stattdessen soll jeder selbst seine Migrationsgründe definieren dürfen, die nämlich auch dann legitim sein können, wenn es nicht um Krieg oder politische Verfolgung, sondern um das ganz „normale“ Elend, um Chancen- und Perspektivlosigkeit in wirtschaftlich darniederliegenden Weltgegenden geht.
Insbesondere habe ich Bedenken, wenn die Kategorisierung von Menschen in Not zum Zwecke entweder Abhilfe zu schaffen oder die Not zu perpetuieren durch nationalstaatliche Bürokratien erfolgt. Staaten sind Teil des Problems, nicht der Lösung.
Bestätigt fühle ich mich in dieser Einschätzung durch folgende Meldung: „Um das Flüchtlingslager Traiskirchen zu entlasten, will Niederösterreich jugendliche Asylwerber nicht mehr in Jugend-Einrichtungen mit spezieller Betreuung unterbringen, sondern wie Erwachsene. Die Grenze für die Volljährigkeit soll dazu auf 17 Jahre herabgesetzt werden. LH [Landeshauptmann] Pröll sagt, es sei im Sinne einer effizienteren Unterbringung, Minderjährige in Quartiere zu geben, die auch Österreichern zugemutet werden.“ (ORF-Text)
Durch einen Verwaltungsakt minderjährige Flüchtlinge gleichsam für volljährig zu erklären, zumindest was ihre Pflichten, nicht aber irgendwelche Rechte betrifft, ist ein Beispiel für genau jene bürokratische Willkür, die ich immer erwartet, befürchtet und abgelehnt habe.
Was hindert denn daran, per Dekret Flüchtlinge schon mit 16 für volljährig zu erklären und aus den Unterkünften für Minderjährige zu werfen, um damit Geld zu sparen? Oder mit 15? Oder 14? Auf derselben Linie liegen Vorschläge, für Flüchtlinge die Schulpflicht „auszusetzen“. Damit sollen Schulen „entlastet“ werden.
Im Namen von Sparsamkeit und Effizienz werden willkürliche Grenzen gezogen, die immer auf die Ungleichbehandlung von Gleichem hinauslaufen, also, wiewohl oft gesetztes „Recht“, durchaus unbillig sind. Dies kann man, weil man die Macht dazu hat, weil die, über deren Leben man verfügt, nur passive Objekte staatlich-bürokratischen Handelns sind, nicht gleichberechtigte Subjekte und Teilhaber am gesellschaftlichen Prozess. „Wir“ definieren uns „die“ zurecht, bis sie unseren Bedürfnissen entsprechen (oder eben nicht entsprechen und dann zu verschwinden haben). Die Betroffenen selbst, deren Bedürfnisse aus der Not erwachsen, haben kein Mitspracherecht. Sie gehören hier eigentlich nicht hin, nur unsere Großzügigkeit duldet sie vorübergehend.
Und immer wieder taucht dabei das Argument auf, man müsse eben Abstriche machen, Standards absenken, die Unterstützung der einen reduzieren oder verweigern, um anderen helfen zu können: Eine Logik der Segregation und des Ausspielens der einen Hilfsbedürftigen im Namen der anderen und der angeblich beschränkten Möglichkeiten.
Wenn einen zur Widerlegung solcher „Logik“ schon das Argument nicht überzeugt, dass Not Not ist und die Gründe dafür sekundär — weil es gilt, die Not zu beheben; erst wenn man die Gründe bekämpfen wollte, müsste man sie unterscheiden —, so sollte man doch ein Unbehagen verspüren angesichts der massiven politischen Bereitschaft, so lange an geltendem Recht herumzuschrauben, bis es Unrecht wird. Denn gewiss ist die Volljährigkeitsgrenze bei 18 Jahren willkürlich. Doch wenn sie für Österreicher gilt, muss sie auch für nach Österreich Geflohene gelten. Wer zwischen „tatsächlichen“ Minderjährigen und „sogennanten“ unterscheiden will, um sich der Verantwortung zu entziehen und Geld zu sparen, das anderswo verpulvert wird, tut Unrecht.

Sonntag, 30. August 2015

Staaten sind ein unnützes Übel. Warum darf nicht jeder Mensch — im Rahmen des ihm Möglichen — selbst entscheiden, wo er leben möchte? Mit welchem Recht (außer dem von ihnen selbst gesetzten und mit Gewalt durchgesetzten) legen Staaten fest, wer auf welchem Territorium sich zu befinden hat, wer welcher Staatsmacht zugeordnet, wer „fremd“ ist? (Fremd nicht im Sinne von „unvertraut“, sondern von „nicht hierher gehörig“.) Noch erstaunlicher aber als diese Selbstermächtigung nationalstaatlicher Gewalt ist, dass die Leute mitspielen, dass sie sich mit der Willkür identifizieren und „unser Land“, „unsere Gesellschaft“, „unsere Kultur“, „unsere Sozialsysteme“ gegen „die“ — die Herbeiströmenden, Heranflutenden, geradezu Überflüssigen — in Schutz nehmen. Einfach wär’s, wenn sie nur ihr Eigentum und ihre Gewohnheiten verteidigen wollten, diese beiden Hindernisse für gelingende Menschlichkeit. Das kann man moralisch kritisieren. Aber sie verteidigen mehr und Schlimmeres: Das Phantasma einer natürlichen Gemeinschaft, die auf dem Ausschluss der natürlich nicht Dazugehörenden beruht und sich, um das natürliche Recht auf Identität zu schützen, selbstverständlich als Staat formieren muss. Dieser Aberglaube, selbst der Staat zu sein, der einen kontrolliert und gängelt, wird dann besonders widerlich, wenn dabei nicht mehr nur die Reichen reicher und die weniger Reichen in Schach gehalten werden sollen (was nach meinem Verständnis die vornehmste Aufgabe des Staates ist), sondern von den Ärmsten der Armen, die auf der Flucht oft nur das nackte Leben retten konnten, auch noch verlangt wird, sie müssten sich dem Status quo fügen, das „Recht“ der Starken und Mächtigen anerkennen und sich dem herrschenden Aberglauben anpassen.

Donnerstag, 27. August 2015

Die Krokodilstränen des Gesindels

Buhuhu, die armen toten Flüchtlinge! Beim Westbalkangipfel der europäischen Staats- und Regierungschefs zu Wien — wo der Balkan, wie Metternich sagte, hinterm Rennweg beginnt — legte man für die jüngst im Laderaum eines an Österreichs Ostautobahn abgestellten Lastkraftwagens aufgefundenen 20 bis 50 Toten, mutmaßlich Flüchtlinge, ein Gedenkminuterl ein, bevor man sich das Mittagessen schmecken ließ. (Was es wohl gab? Zigeunerschnitzel?)
Noch ehe die Toten überhaupt gezählt, geschweige denn obduziert und identifiziert sind, legte man sich politikseits bereits auf Schuldige fest: Die bösen, bösen Schleuser waren’s! Ohne im mindesten das Tun und Lassen von illegalisierten gewerblichen Fluchthelfern von Verantwortung freisprechen zu wollen, wird man freilich nicht umhinkönnen, eine ganz andere Todesursache zu benennen: die europäische Flüchtlingspolitik. 
Denn die vielgeschmähten Schleuser, Schlepper, „Menschenhändler“ sind nur Profiteure eben dieser Politik, die vor allem eine der Abschreckung, der Abwehr, der geschlossen Grenzen, der bürokratischen Hürden, der Ausweisung, der Deportation ist. Wer Einreise erschwert und verunmöglicht, sie im Wesentlichen gar illegal macht, darf sich nicht wundern, wenn illegales passiert. Wer Drogen verbietet, sichert den Drogenbaronen ein einträgliches Geschäft. Wer Prostitution verbietet, garantiert den Zuhältern ihr Einkommen. Wer Fliehen verbietet …
Aber selbstverständlich ist nicht Legalität oder Illegalität die entscheidende Frage. Denn was Gesetz ist, bestimmt, wer an der Macht ist. Es geht also um Machtfragen, und wie damit wie immer um Leben und Tod.
Denen, die zu Wien der mutmaßlich Getöteten gedachten, muss man sagen: Ihr habt kein Gewissen, sonst wüsstet ihr, dass Ihr diese Toten und all die anderen, die auf dem Weg nach Europa zu Tode kamen, auf eben diesem Gewissen habt. Die von Euch befürworteten politischen und gesetzlichen Bedingungen nämlich sind es, an denen sie starben. Ihr wollt diese Leute nicht in Euren Ländern haben. Wenn sie in ihren Ländern krepieren, ist es Euch wurscht. Erst wenn sie sich aufmachen, um Krieg und Verfolgung, Elend und Aussichtslosigkeit zu entkommen, erkennt Ihr ein Problem. Aber nicht etwa Krieg, Verfolgung, Elend Aussichtslosigkeit — in hohem Maße Folgen Eurer Politik und der Weltwirtschaftsordnung, für die Ihr über Leichen geht —, sondern die Suche nach Entkommen, nach Zuflucht, nach einem besseren Leben erklärt Ihr für besorgniserregend.
Ihr wollt diese Leute nicht. Ob und wie sie leben oder sterben, ist Euch egal. Es ist halt nur so unschön, wenn die Leichen nicht in ihren Herkunftsländern herumliegen, sondern hier bei uns. Das will keiner sehen. Das beunruhigt. Aber nicht auf die gute Weise, bei der die Bevölkerung Angst hat, die Neuankömmling könnten ihr was wegnehmen. Sondern auf die gefährliche Weise, bei der die Leute erschrecken, Mitleid empfinden und sich gar empören könnten.
Es stimmt, es gibt zu viele Flüchtlinge. Doch alles, was den Politikern an Problemlösung einfällt, sind noch mehr Hindernisse, schnelleres Deportieren und möglichst viele unwürdige Schikanen. Nichts davon löst irgendeines der Probleme, die Flucht verursachen. Nichts davon hilft den Menschen, die bereits auf der Flucht sind ode es demnächst aus guten Gründen sein werden. Man stelle sich vor, ein Arzt würde die Zahl seiner Krebspatienten dadurch reduzieren wollen, dass er sie nicht behandelt, sondern wegschickt. Man würde ihm kaum nachsagen, er habe den Krebs besiegt.
Nein, ich weiß nicht, wer die Toten von der burgendländischen Autobahn sind und wie sie zu Tode kamen. Aber ich weiß, dass die eigentlichen Verbrecher nicht die sind, die eine illegale Dienstleistung anbieten, sondern die, die eine notwendige Dienstleistung illegalisieren. Das heuchlerische Gesindel, das uns regiert, hat schlechterdings kein Recht, der Toten zu gedenken.

Glosse XXVII

Wenn einer in einem Text, den man im Übrigen der deutschen Sprache zuorden dürfen wird, den Ausdruck Defining Moment verwendet, den er gleich im Anschluss erklären zu müssen meint (eine der Situationen, die eine Generation prägen können), kann man ihm wohl nicht mehr helfen.

Samstag, 22. August 2015

Aufgeschnappt (bei einem Verzweifelten)

Ich kam neulich [1936] in München, wo man gerade mit Tubaton und Paukenkrach eines der nun alltäglichen Feste feierte, in meinem gewohnten Quartier am Bahnhof nicht unter, ich fand Notquartier in der Altstadt gegenüber einem Schulhaus, in dem man jetzt, in den Ferien, einen wandernden Trupp der Hitlerjugend untergebracht hatte.
Ich sah einen dieser Buben, der eben seinen Tornister abgeworfen hatte, sich umsehn im leeren Klassenzimmer, ich beobachtete, wie sein Blick auf den über dem Katheder hängenden Kruzifixus fiel, wie mit einem Mal dieses junge und noch weiche Gesicht in Wut sich verzerrte und wie er das Symbol, dem die deutschen Dome und die tönenden Säulenhallen der Matthäuspassion geweiht sind, von der Wand riß und er es durchs Fenster auf die Straße warf …
Mit dem Ausruf „Da lieg, du Saujud!“
Friedrich Reck-Malleczewen

Freitag, 21. August 2015

Schlechtes Wetter, schlechtes Essen, schlechte Menschen: Man muss schon sehr verzweifelt sein, um nach Großbritannien fliehen zu wollen. Das allein rechtfertigt derzeit den Eurotunnel, für dessen Zuschüttung ich sonst einträte. Und die Insulaner sollten sich über die Chance freuen, dass ihr verkorkster Genpool etwas aufgemischt wird.

„Flüchtlingskatastrophe“? „Flüchtlingskrise“? Millionen Menschen haben schrecklich gute Gründe, auf der Flucht zu sein. Hier kann man von Katastrophe und von Krisen sprechen. Dieselben Vokabeln jedoch auf die mangelnde Befähigung oder Bereitschaft anzuwenden, Flüchtlingen Zuflucht zu gewähren, weigere ich mich entschieden. Hier ist der einzig angemessene Begriff: Schande.

„In Griechenland sind 3 Männer wegen mutmaßlicher Raubüberfälle auf Bootsflüchtlinge festgenommen worden. (…) Bei einer Durchsuchung der Wohnungen der Männer wurden 5 Motoren sowie ein Karton mit nasser Kleidung, v.a. von Kindern, gefunden.“ (ORF-Text) Kriminelle gibt’s überall, aber welcher Abschaum der Menschheit verlegt sich darauf, Flüchtlingskinder auszurauben?!

Was sind das nur für Möchtegernherrenmenschen, die den Begriff „Mitleidsethik“ als Schimpfwort verwenden …

(Zu Anja Reschkes berühmtem TV-Kommentar:) Es geht nicht um Dummschwätzereien und menschenverachtende Hetze und nicht einmal um brennende Häuser. Es geht um die herrschende flüchtlingsfeindliche Politik. Nicht die „unanständigen“ Ränder sind das Problem, sondern die satte Mitte der Gesellschaft und die, die in deren Namen Politik machen.

Für Flüchtlinge hat das arme, arme Griechenland natürlich kein Geld. Für militärisches Training seiner Hubschrauberpiloten in Israel anscheinend schon.

Wenn zu viele Fremde ins Land kämen (oder wenn diese hier zu gut behandelt würden), fördere das Fremdenfeindlichkeit. Interessante Logik. Als ob man sagte, alle Juden müssten weg, damit Antisemitismus keine Chance habe.

Donnerstag, 30. Juli 2015

Man tut so, als sei die Chancenlosigkeit eines Asylantrages irgendwie eine Eigenschaft der Antragsteller (oder ihrer Herkunftsländer) und nicht ein Effekt des Asylverfahrens selbst.

Zur Aufklärung eines absichtsvollen Missverständnisses: Flüchtlinge suchen Zuflucht, nicht ein Asylverfahren.

Warum erklärt man nicht einfach per Dekret alle Länder zu sicheren Herkunftsländern? Simsalabim, Flüchtlingsproblem gelöst.

Die „Balkanflüchtlinge“ haben oft das Pech, dass sie zum Beispiel Rroma sind und keine Juden. Die Deutschen (und Österreicher) unterscheiden nämlich bei denen, die sie vergast haben, sehr genau, bei wem es ihnen leid tut.

Vorschlag zur Gesetzgebung (in Österreich, aber gern auch in der BRD): Solange auch nur ein einziger Flüchtling die Nacht im Freien verbringen muss, müssen auch sämtliche Regierungsmitglieder draußen schlafen. Wie rasch dann wohl Unterkünfte bereitstünden ...

Donnerstag, 23. Juli 2015

Sonntag, 19. Juli 2015

Glosse XXV

Er war ein abgebrochener Architekturstudent. Autsch! Das stelle ich mir schmerzhaft vor, und schöner Anblick wird es wohl auch keiner gewesen sein, als der junge Mann einen Teil seines Körpers einbüßte. Vielleicht wurde ja aber auch nur das Studium abgebrochen und der Student blieb unversehrt.

Donnerstag, 16. Juli 2015

Glosse XXIV

... da ... die Rolle der Frau ... lange eine sekundäre Rolle spielte ... Wenn Rollen Rollen spielen, fragt man sich, ob Menschen jetzt schon ganz überflüssig sind oder wenigstens noch als Zuschauer zugelassen werden.

Samstag, 11. Juli 2015

Abendland? Was soll das denn sein?, fragen manche. Nun, fürs Erste dürfte genügen: Abendland, das ist das Boko in Boko Haram.

Sonntag, 5. Juli 2015

„Genderismus“

Schon das Wort ist dumm. Die Infragestellung der Natürlichkeit, Berechtigung und Sinnhaftigkeit der Einteilung und Beurteilung von Menschen nach ihrer Geschlechtszugehörigkeit „Genderismus“ zu nennen, ist so, als würde man die Infragestellung der Natürlichkeit, Berechtigung und Sinnhaftigkeit der Einteilung und Beurteilung von Menschen nach Herkunft, Abstammung, Hautfarbe usw. „Rassismus“ nennen.

Samstag, 13. Juni 2015

Aufgeschnappt (bei Martin Buber)

Ja, [Gott] ist das beladenste aller Menschenworte. Keines ist so besudelt, so zerfetzt worden. Gerade deshalb darf ich darauf nicht verzichten. Die Geschlechter der Menschen haben die Last ihres geängstigten Lebens auf dieses Wort gewälzt und es zu Boden gedrückt; es liegt im Staub und trägt ihrer aller Last. Die Geschlechter der Menschen mnit ihren Religionsparteiungen haben das Wort zerrissen; sie haben dafür getötet und sind dafür gestorben; es trägt ihrer aller fingespur und ihrer aller Blut. Wo fände ich ein Wort, das ihm gliche, um das Höchste zu bezeichnen! Nähme ich den reinsten, funkelndsten Begriff aus der innersten Schatzkammer der Philosophie, ich könnte darin doch nur ein unverbindliches Gedankenbild einfangen, nicht aber die Gegenwart dessen, den ich meine, dessen, den die Geschlechter der Menschen mit ihrem ungeheuren Leben und Sterben verehrt und erniedrigt haben. Ihm meine ich, ja, ihn, den die höllengepeinigten, himmelsstürmenden Geschlechter des Menschen meinen. Gewiß, sie zeichnen Fratzen und schreiben „Gott“ darunter; sie morden einander und sagen „in Gottes Namen“. Aber wenn aller Wahn und trug zerfällt, wenn sie ihm gegenüberstehen im einsamsten Dunkel und nicht mehr „Er, er“ sagen, sondern „Du, Du“ seufzen, „Du“ schreinen, sie alle das eine, und wenn sie dann hinzufügen „Gott“, ist es nicht der wirkliche Gott, den sie alle anrufen, der Eine Lebendige, der Gott der Menschenkinder?! Ist nicht er es, der sie hört? Der sie — erhört? Und ist nicht eben dadurch das Wort Gott, das Wort des Anrufs, das zum Namen gewordene Wort, in allen Menschensprachen geweiht für alle Zeit? Wir müssen die achten, die es verpönen, weil sie sich gegen das Unrecht und den Unfug auflehnen, die sich so gern auf die Ermächtigung durch „Gott'“berufen; aber wir dürfen es nicht preisgeben. Wie gut läßt es sich verstehen, daß manche vorschlagen, eine Zeit über „die letzten Dinge“ zu schweigen, damit die mißbrauchten Worte erlöst werden! Aber so sind sie nicht zu erlösen. Wir können das Wort „Gott“ nicht reinwaschen, und wir können es nicht ganzmachen; aber wir können es, befleckt und zerfetzt wie es ist, vom Boden erheben und aufrichten über einer Stunde großer Sorge.

Martin Buber (8. Februar 1878 — 13. Juni 1965)

Sonntag, 31. Mai 2015

Glosse XXIII

Alexander Kluge schreibt: Für das Wochenende nach seinem Tod hatte Rainer Werner Fassbinder die Absicht, sein Teilstück zum Film 'Krieg und Frieden' zu inszenieren. Sich sogar für die Zeit nach dem eigenen Exitus noch etwas vorzunehmen, also das nenn ich mal Arbeitsethos!

Dienstag, 19. Mai 2015

Wenn über den Wert von Kunstwerken mit ähnlicher Leidenschaft berichtet würde wie über deren Preise, wenn sie sehr hoch sind, wäre die Welt vielleicht ein bisschen besser.

Sonntag, 17. Mai 2015

Glosse XXII

Wenn zwei Häuser einander gegenüberstehen, so ist das nichts Besonderes. Stehen sie aber sich gegenüber, so könnte es sich um die architektonische Entsprechung zu einer gespaltenen Persönlichkeit handeln.

Samstag, 16. Mai 2015

Glosse XXI

Bei einem Germanisten lese ich, Novalis habe irgendetwas visioniert. Pfui Deibel, wer Visionierungen hat, soll zum Arzt gehen!
Dass ich wohl nicht so recht von dieser Welt bin, zeigt sich mir auch dann, wenn jemand gestorben ist, den anscheinend alle Welt gekannt hat, von dem ich aber (obwohl er, jüngstes Beispiel, „einer der einflussreichsten Musiker überhaupt“ gewesen sein soll) vor der Nachricht von seinem Tode noch nie etwas gehört hatte.

Freitag, 15. Mai 2015

Glosse XX

Das Kiss-In ist eines der ganz wenigen Aktionsformen, das die Jahrzehnte überdauert hat. Das Schwinden des Gefühls fürs grammatische Geschlecht habe ich bereits glossiert. An diesem Fall freilich erstaunt mich nicht nur, dass solch ein Patzer (den der falsch angeschlossene Relativsatz noch verschlimmert) einem Muttersprachler passiert; der Mann ist Journalist und Schriftststeller und weiß selbstverständlich, dass es „eine der ganz wenigen Aktionsformen, die die Jahrzehnte überdauert haben“ heißen muss. Allerdings ist es für einen Autor immer schwierig, seinen eigener Korrektor zu sein, denn weil er weiß, was er sagen wollte, übersieht er mitunter, dass er es an der und der Stelle nicht oder nur schlecht gesagt hat. Da bleiben dann, besserem Wissen zum Trotz, manche Vertippungen, Verschreibungen oder Verkonstruierungen stehen. Weit erstaunlicher als diese auch mir nur allzu vertraute partielle Blindheit für den eigenen Text finde ich jedoch die Ignoranz der zuständigen Redaktion, die den Text doch abgenommen haben muss. Ohne ihn zu lesen? Ohne ihn gründlich zu lesen? Ich finde das respektlos dem Autor gegenüber, aber auch gegenüber dem Leser.

Sonntag, 10. Mai 2015

Freitag, 1. Mai 2015

Aufgeschnappt (bei einem Polemiker)

Uns ist Politik nur eine Methode, das Leben zu besorgen, damit wir zum Geist gelangen. Wir verabscheuten eine Politik, die, um jenes zu verwahrlosen, diesen mißhandelt hat. Wir sind mit einer zufrieden, die ehrlichen Willens ist, jenes wiederherzustellen und alles weitere uns selbst zu überlassen. Wir wollen nicht mehr, daß Geist und und Notwendigkeit verkettet seien, weils dann statt beider Krieg gibt.

Karl Kraus

Donnerstag, 30. April 2015

Atheismus ist eine Geisteskrankheit. Die davon Betroffenen kann man bemitleiden. Laizismus hingegen, also die Überordnung des Staates über die Religion, ist eine Schande. Die daran Mitwirkenden kann man nur verachten.

Dienstag, 28. April 2015

Aufgeschnappt (bei einem Österreicher)

Will das Gesetz die Menschen schützen, dann hat es auch den Menschen zu schützen. Geschähe es zulänglich, würde er nicht zum Dieb, zum Mörder, würfe nicht Bomben auf die Welt, wäre, geschähe es, nicht Atom im Atomkrieg, ein Gesichtsloser in der namenlosen Masse, sondern ein einzelner mit der Bestimmung, weder leiden zu müssen noch leiden zu machen.
 Ernst Lothar

Glosse XIX

Gefühlte neunundneunzig Prozent aller Medienberichte enthalten die Wendung Medienberichten zufolge.

Freitag, 10. April 2015

Zur Kopftuchdebatte 2015

Kann es wirklich wahr sein, dass man 2015 noch über „das Kopftuch“ diskutiert? Wurde diese Debatte nicht schon ausführlich genug geführt? Sind nicht alle Argumente der Kopftuchgegnerinnen und Kopftuchgegner Stück für Stück widerlegt?
Hier zu Erinnerung: So lange in Deutschland und Österreich nur Putzfrauen und die Ehefrauen der Gemüsehändler Kopftücher trugen, war das kein Thema. Erst seit Frauen mit Herkunft („Migrationshintergrund“) auch Lehrerinnen und Richterinnen werden wollen, gibt es ein Problem. Damit ist der rassistische und klassistische Charakter der „Kopftuchdebatte“ offengelegt. Viel mehr gibt dann auch schon nicht mehr zu sagen.
Außer vielleicht, dass es keinen Grund gibt, das „orientalische“ (hetero-)sexistische Modell, wonach Frauen sich in der Öffentlichkeit nicht Sexualobjekt inszenieren sollen, für minderwertiger zu halten als das „westliche“ (hetero-)sexistische Modell, wonach Frauen genau das tun sollen.
Nun gibt es allerdings Feministinnen, die gerade in der Pflicht für Frauen, sich mittels Mode und Kosmetik ständig als Gegenstand (heterosexuellen) männlichen Begehrens zur Verfügung zu halten, ein „Recht“ erblicken wollen („Sie tun das nur für sich selbst, um sich schön zu fühlen“) und die Durchsetzung dieses „Rechtes“, also die Allgegenwärtigkeit von Frauenkörpern als potenziellen Objekten der Begierde, als „Befreiung“ interpretieren.
Und dann gibt es noch die Frauen, die auf Frauen, die sich dieser Norm entziehen, indem sie, aus welchem Grund auch immer, auf Techniken der Verhüllung und Verschleierung zurückgreifen, einen regelrechten Hass kultivieren.
„Eine Lehrerin mit Kopftuch kann im tiefsten Inneren ihres Herzens eine glühende Verfassungspatriotin sein“, verkündet zum Beispiel Seyran Ates. „Dennoch ist allein ihr Auftreten geeignet, ein Frauenbild zu vermitteln, welches besagt, dass Frauen sich vor den Blicken der Männer schützen und verhüllen sollen. Diese nonverbale Aussage ist des Pudels Kern. Darin ist enthalten, dass Männer und Frauen in der Öffentlichkeit nicht gleichberechtigt sind, also ein Widerspruch zu Art. 3 Abs. 2 GG.“
Soll das weibliche Logik sein? Versuchen wir es einmal mir richtiger Logik: Wenn die Verhüllung von Frauen in der Öffentlichkeit der Gleichberechtigung von Mann und Frau widerspricht (was nur dann funktioniert, wenn vorausgesetzt wird, dass Männer unverhüllt sind), dann müsste die Entblößung von Frauen in der Öffentlichkeit der Gleichberechtigung von Mann und Frau genauso widersprechen — vorausgesetzt, dass Männer nicht in derselben Weise entblößt sind. Und genau das ist in der Regel ja auch tatsächlich der Fall. Männermode und Frauenmode unterscheiden sich in den zeitgenössischen westlichen Konsumgesellschaften nämlich deutlich: Frauen sind dazu aufgefordert, vielmehr Haut zu zeigen als Männer (außer in der Bademode), mehr Brust, mehr Bein, mehr Haar.
Wenn also nun die Bedeckung des Haupthaares („Kopftuch“) bereits eine unzulässige Verhüllung darstellt, dann müsste ein klassisches Dekolleté doch erst Recht unzulässig sein als Verstoß gegen Art. 3 Abs. 2 GG, da es, gesellschaftlicher Konvention zu Folge, Männern in denselben Situationen nicht in derselben Weise erlaubt ist, sich zu entblößen, wie Frauen. (Herr Sauer dürfte in Bayreuth nicht in derselben Weise die Anatomie seiner Milchdrüsen vorführen wie Frau Merkel.)
Durch die „nonverbale Aussage“ partieller weibliche Nacktheit werden also entweder Männer als weniger objektifizierenswert, weniger begehrenswert als Frauen oder umgekehrt Frauen als begehrenswerter, eher des Objektstatusses würdig als Männer behauptet. Beides widerspricht der geforderten Gleichheit der Geschlechter. Ist das Kopftuch gleichheitswidrig, dann sind es Dirndl und Minirock ebenfalls.
Anders gesagt: Wenn eine Frau, die ein Kopftuch trägt, implizit (gleichsam „objektiv“ im Unterschied zu ihren möglichen subjektiven Überzeugungen) eine Verfassungsfeindin ist, dann ist auch jede Frau, die dem Ideal der Bordsteinschwalbe nacheifert — und darauf läuft das zeitgenössische weibliche Körperideal der westlichen Konsumgesellschaften ja offensichtlich hinaus —, ebenfalls eine Verfassungsfeindin. Objektiv, auch wenn sie selbst im tiefsten Inneren ihres Herzens glühend davon überzeugt ist, mit tiefem Ausschnitt, kurzem Kleidchen, hochhackigen Stiefeln, umfassend angemaltem Gesicht und kübelweise Parfüm nur ihrer eigenen Emanzipation und der ihrer ebenfalls aufgeklärten Geschlechtsgenossinnen zu dienen.

Samstag, 28. März 2015

Institutionen erlauben uns, dieselben Fehler immer wieder zu machen, ohne dafür irgendeine Verantwortung übernehmen zu müssen. Sie erlauben uns aber auch, immer wieder das Richtige zu tun, ohne uns jedes mal wieder von Neuem dafür entscheiden zu müssen.

Sonntag, 22. März 2015

Aufgeschnappt (bei einem Denker)

Er schloß sich keiner der Parteien an, die gegen das Bestehende anrannten, um sich des Bestehenden zu bemächtigen. Das Parteiwesen, das mit seinem fiktiven Zusammenschluß das natürliche Zueinanderkommen und Miteinanderwirken, die natürlichen Verbände der Menschen verdrängt, erschien ihm als des verrotteten Staatswesen verrottetster Teil. Staatsbürokratie und Parteibürokratie, Regierungsdemagogie und Parlamentsdemagogie gehörten vor seinen Augen zusammen. Den Staat erkannte er als ein Gebilde des Zwangs und der Gewalt, an dessen Erhaltung alle Parteien interessiert waren, auch die ihn zu bekämpfen vorgaben; auch die Partei, die sich die sozialistische nannte und die in Wahrheit nur aus aus den Proletariern des kapitalistischen Betriebs Staatsproletarier, aus allen Menschen Wirtschaftsbeamte des Staates machen wollte.

Martin Buber über Gustav Landauer

Donnerstag, 15. Januar 2015

In Zeiten von Terror, Terrorismus und Meinungsfreiheit (III)

Aus einer Diskussion in einem sozialen Netzwerk:

Ich weigere mich strikt, die Logik der Terroristen zu teilen, wonach ein Mord nicht nur ein Mord ist, sondern ein symbolischer Akt. Sie wollten was weiß ich: den Westen, die Freiheit, den Säkularismus treffen? Interessiert mich nicht. Hier sind Menschen umgebracht worden. Deren Tod ist betrauernswert. Wie der Tod jedes anderen Menschen. (Aber auch nicht betrauernswerter als der anderer.) Die Morde in derselben Logik wie die Terroristen zu instrumentalisieren („sie starben für …“) halte ich für unethisch - und für politisch falsch. 

Satire spiegelt die gesellschaftlichen Verhältnisse wieder? Aber dann doch auch die Machtverhältnisse: also auch das Gefälle (weiß, männlich, gallisch, säkular versus subaltern und religiös). (Die Prekarität der „ArbeiterInnen“ von „Charlie Hebdo“ scheint mir kein Argument. Auch ein arbeitsloser Neonazi ist ein Neonazi.) Wenn derselbe Staat, der die Prekarität erzeugt und konserviert und nutzbar macht, jetzt „Charlie Hebdo“ mit Lob überschüttet, von einer „Mission“ des Blattes spricht (mission civilisatrice?) und finanzielle Hilfe verspricht, kann ich an die Gesellschaftsktitik dieser postum kanonisierten Satiriker nicht glauben.

Der andere Punkt ist der der „Religionskritik“. Ich gebe Herrn Karl Marx, London, völlig Recht, dass Religionskritik der Anfang, die Voraussetzung aller Kritik ist. Nur muss man sie eben auch leisten; das hat weder Herr M. (der im Wesentlichen bei der etwas albernen Projektionstheorie von Feuerbach feststeckte) noch m.W. „Charlie Hebdo“ getan. Sich über etwas lustig zu machen ist noch nicht Kritik. Oder zumindest keine ausreichende. Und, wie sich gezeigt hat, keine hilfreiche. (Nützlich freilich für die hegemonialen Kräfte, sonst würde „Charlie Hebdo“ jetzt nicht quasi verstaatlicht.) Zumal wenn der Gegenstand des Satire per defintionem etwas Erhabenes ist. Weshalb der Spott meiner Meinung nach eine andere Richtung als die der Kritik hat: Herabsetzung. Damit aber bin ich ganz sicher nicht solidarisch.

Ein weiteres Thema wäre gesellschaftlliche Faschisierung (ja, leider, die sehe ich auch) und die Radikalisierung „religiöser“ Gruppen. Da stehen, finde ich, die Gänsefüßchen zu Recht. Bei den Islamisten der verschiedenen Richtungen z.B. handelt es sich (anders als bei den mittelalterlichen Assasinen etc.) nicht um religiöse Sekten. Es sind Politsekten. Die Parallele ist nicht die von al-Quaida, IS usw. und (irgendeiner) Kirche, sondern von denen und RAF, Brigate Rosse usw.

Mord ist Mord und als solcher falsch. Es gibt also keine richtigen Gründe dafür. Darum können die Toten von Paris (sowenig wie usw.) gar nicht selbst schuld sein. Oder zu Recht ermordet, weil sie das und das getan haben. Nie, mit keiner einzigen Bemerkung oder Andeutung habe ich derlei gesagt. Es widerspricht all meinen Überzeugungen. Zur Beurteilung der Pariser Verbrechen spielt also weder die Tätigkeit von „Charlie Hebdo“ eine Rolle noch was die Mörder an Gründen gehabt zu haben meinten. (Über gesellschaftliche Ursachen kann man diskutieren, und sollte es wohl auch; aber das ist etwas anderes als die persönliche Motivation der Täter.)

(Tyrannenmord wäre u.U. etwas anderes, aber das nur am Rande.)

Ich bin keineswegs für staatliche Zensur, aber für ein gesellschaftliches Problembewusstsein, das jede Form von Blasphemie, mutwilliger Verletzung religiöser Gefühle, religionsfeindlicher Aufhetzung verächtlich findet. „So etwas tut man nicht.“ Man sagt doch auch niemandem: Dein Kind ist aber hässlich und doof. Selbst wenn man es so wahrnimmt. Verdienen Götter weniger Rücksichtnahme als andere geliebte Wesen? Respekt schließt freilich Kritik keineswegs aus.

In Zeiten von Terror, Terrorismus und Meinungsfreiheit (II)

Kommentare zu Ulrich Würdemanns „Freiheit braucht Engagement“:

„Der Angriff der Terroristen in Paris, die Ermordung von 12 Menschen, (…) galten uns, unserer Freiheit.“ Ich sehe das überhaupt nicht so. „Lassen wir uns nicht verhetzen.“ Sehr richtig. Dazu gehört dann aber auch, aus einem Verbrechen keinen Kulturkrieg zu machen: Wir gegen die, unsere Freiheit gegen deren Terrorismus. Da stimmt doch was nicht. Wieso identifizieren sich Millionen Menschen mit den zwölf Toten von Paris, während die drei Dutzend Toten von Sana’a am selben Tag nur eine Meldung unter ferner liefen sind? Und das, obwohl (wenn man der vorherrschenden Interpretation der Anschläge folgt) beide Verbrechen von Islamisten begangen wurden? Warum wird jetzt so getan, als sei ein albernes, hassverbreitendes (und sogar, wie man mir sagt, homophobes) Satire-Magazin der Hort der Demokratie und Meinungsfreiheit? Was ist das für eine (noch dazu angeblich radikale) „Kritik“, die jetzt praktisch vom französischen Staat bezahlt werden soll? Ich find das sehr seltsame Grenzziehungen und Frontstellungen. Und andererseits werden mir da nicht genug Grenzen gezogen. Was für einen Sinn und Zweck hat es, im Namen von „Pluralität und Vielfalt“ (was ist der Unterschied?) die „Klemmschwester“ und den/die „offen schwule(n) Mann / lesbische Frau“, die „politisch ‘konservativ’, ‘liberal’ oder ‘progressiv’“ Agierende, die „schrille Tunte“ und den „schwule(n) Spießer“ alle in einen Topf zu werfen und zu einem LGBTsternchen-Einheitsbrei zu verkochen? Freiheit braucht Engagement, jaja, völlig richtig, aber doch politisches Engagement, und das kann nicht unterschiedslos progerssiv und konservativ, spießig und nichtspießig usw. sein. Nicht jede Lebensweise ist, bloß weil sie mit Homosexualität zu tun hat, bereits sakrosankt und verteidigenswert. Ein schwuler Neonazi ist für mich vor allem ein Neonazi. Freiheit, die bloß bedeutet, dass jeder in seiner Konsumnische treiben darf, was der Staat ihm gerade erlaubt, während im Übrigen die gesellschaftlichen Verhältnisse unagetastet bleiben, ist keine Freiheit. Bekanntlich haben Reiche und Arme dasselbe Recht, unter Brücken zu schlafen … Mit anderen Worten: Ein abstraktes Reden über Rechte und
Freiheiten, das die Machtverhältnisse, die durch Lebensentwürfe gestützt oder untergraben werden, außer Acht lässt, ist unpolitisch und nützt nur dem Bestehenden.

U.W. antwortete, es gehe ihm nicht um einen Kulturkrieg, aber darum, darauf zu verweisen, dass Dogmatismus immer der Freiheit entgegenlaufe. Es gehe ihm gerade nicht um einen 'Einheitsbrei', sondern darum, dass nur in Freiräumen, in freiheitlich verfassten Gesellschaften, verschiedene, auch vom Mainstream abweichende Lebensentwürfe konzipiert und gelebt werden könnten. Sein Appell in Sachen Engagement sei zunächst einmal ein Versuch, denen, die ruhig im Sessel sitzen und denken was geht mich das an, zu sagen: „Bekomm den Arsch hoch“. Dass da weitere Debatten, auch über soziale und politische Verhältnisse, über macht sinnvoll seien, sei unbestritten.

So gesehen stimmen wir (einmal mehr) überein, Ulli. Mich irritiert nur der Anlass. Warum der Anschlag von Paris und nicht der von Sana’a? Warum die Gleichsetzung eines Verbrechens mit einem Anschlag auf Freiheitsrechte? Ein Banküberfall stellt ja auch nicht das Währungssystem in Frage. Eher im Gegenteil: Der Räuber will das Geld doch gerade, um damit zu bezahlen. Übertragen: Wer einen Terrorakt von seiner Symbolik her versteht, folgt der Logik der Terroristen. Nicht irgendwelche Einzeltäter oder untergründigen Netzwerke bedrohen „mühsam erkämpfte Rechte“, sondern das Problem ist die Staatsmacht, die Rechte nach Gutdünken gewährt oder verweigert. Die Emanzipation gerade auch der LGBTsternchen-Politik vom Staat wäre darum angebracht. Sich jetzt stattdessen mit der herrschenden Macht zu solidarisieren bzw. der von dieser verordneten Solidarität zu willfahren, scheint mir unangebracht. (Premier Valls sprach von der „Mission“ von „Charlie Hebdo“; bei aller Liebe zur französischen Kultur: auf die „mission civilisatrice“ pfeif ich …)

Bemerkung über Gotteslästerung

Ilija Trojanow schrieb auf facebook: „Zur Blasphemie: Wenn Gott allmächtig ist, kann er sich nicht selber zur Wehr setzen?“ Ich kommentierte:

Bei der Gotteslästerung geht es doch nicht darum, ob Gott sich wehren kann oder nicht. Um Wehrlosigkeit geht es ja bei Paragraphen, die in manchen Ländern die Verunglimpfung des Staates, seiner Institutionen, Repräsentanten usw. unter Strafe stellen, auch nicht; dass der Staat sich wehren kann, beweisen doch gerade die Paragraphen selbst. Bei der Gotteslästerung geht es um das gestörte Verhältnis zu Gott. Kein Liebender wird wollen, dass der Geliebte von Dritten verleumdet wird, und zwar nicht (oder wenigstens nicht in erster Linie), weil damit seine, des Liebenden, Gefühle verletzt werden, sondern weil dem Geliebten kein Unrecht geschehen soll. Dasselbe gilt für den Gläubigen. Nur Atheisten oder Agnostikern kann es egal sein, was über Gott behauptet wird. Man mag es hinnehmen müssen, dass andere irren, aber dass sie das per definitionem Höchste, Beste, Verehrungswürdigste in den Dreck ziehen dürfen sollen, kann man im Ernst von keinem anständigen Menschen verlangen.


In Zeiten von Terror, Terrorismus und Meinungsfreiheit

Einige meiner Facebook-Postings zwischen dem 7. und 10. Januar 2015.

Pressefreiheit hat eben ihren Preis.

Je ne suis pas du tout Charlie. Wer Hass sät, wird Hass ernten. Nicht, dass ich das Verbrechen nicht verwerflich finde oder die Opfer für „selber schuld“ erkläre. In einem Land, das die Burka verbietet, aber nicht Blasphemie, wundert mich allerdings nichts. Wer glaubt, Respektlosigkeit sei eine Tugend (und außerdem ein gutes Geschäft), dem kann es passieren, dass auch seine Rechte (etwa das auf Leben) missachtet werden. Ce est ce qui se passe. Kein Grund, jetzt hysterisch zu werden. Das Abendland wird durch diese Morde nicht bedroht. Und selbst wenn, wen kümmert’s?

Vor der französischen Botschaft wird Anteilnahme und Solidarität bezeugt. Wie nett. Und vor der jemenitischen? Starben heute nicht auch in Sana’a drei Dutzend Menschen bei einem terroristischen Akt? Doch weiße Leben sind eben mehr wert als nichtweiße, gelten eher als betraueernwert, der spektakuläre Mord an prominenten französischen Journalisten ist „uns“ näher als das fast schon gewohnte Sterben irgendwelcher anonymer Subalternen. Wie passend, dass der ganz normale Rassismus sich gerade dann zeigt, wenn man „Freiheit“ als westlichen Wert beschwört.

Todesstrafe in Frankreich? Ich frage mich seit langem, ob es nicht voreilig war, von der Praxis der Hexenverbrennungen abzugehen. Ich hätte da auch Kandidatinnen. Mme Le Pen liegt derzeit durchaus vorn.
   
Drei Verdächtige, sieben Verhaftungen. Die Täter seien Polizei und Justiz bekannt, sagt der Premierminister. Einer der drei Verdächtigen stellt sich selbst und scheint ein Alibi zu haben. Die Verdächtigen seien überwacht worden, heißt es. Ich muss sagen, mein Vertrauen in den französischen Rechtsstaat wächst von Minute zu Minute.

Bisher ist kein Verdächtiger verhaftet, geschweige denn vor Gericht gestellt und verurteilt worden. Dennoch glaubt alle Welt zu wissen, wer warum die zwölf Morde begangen hat. Als hätte man nur darauf gewartet.

Satire darf alles? Vielleicht waren die zwölf Morde von Paris ja auch nur eine Art von besonders feindseligem Leserbrief. (Und als solcher ebenfalls vom Recht auf Meinungsfreiheit gedeckt.)

Bei der Ermordung Anna Politkowskajas, bei der Verurteilung Chelsea Mannings, bei der Vorverurteilung und Ächtung Edward Snowdons, bei der Verleumdung Max Blumenthals - um nur vier Beispiele zu nennen - würde ich sagen: Ja, das galt im Grunde auch mir, da geht es auch um meine Freiheit, um meine Rechte. Bei „Charlie Hebdo“ kann ich sagen: Nein, das hat mit mir nichts zu tun, hier ist die Pressefreiheit oder Meinungsfreiheit nicht bedroht. Selbst wenn die bereits durchgesetzte (weil vorausgesetzte) Erzählung, hier hätten religiöse Fanatiker auf Satire reagiert, stimmt. Es sind staatliche und wirtschaftliche Strukturen, die Freiheiten bedrohen, einschränken, aufheben und damit Rechte mit Füßen treten. Verbrecher und Verrückte hingegen sind bloß Einzelfälle, unschön, schmerzhaft und tragisch, aber unbedeutend im Vergleich zum systematischen Terror der Herrschenden. Dass viele das anders empfinden, irritiert mich nicht. Das bin ich seit dem 11. September 2001 gewohnt.

Tut mir leid, aber jede Sache, bei der Merkel, Hollande & Co. vorneweg marschieren, ist eine schlechte.

Anschlag auf die Hamburger Morgenpost. Kommt jetzt „Je suis Mopo“? Und wenn, was man sich ja vorstellen kann, jemand in der Redaktion der „Bild„-Zeitung ein Gemetzel anrichtete, gälte dann weit und breit „Je suis Bild“? Mir ist das alles zu hysterisch.

Die Meldung vom Tod Anita Ekbergs berührt mich stärker und tiefer als das Tamtam um die Morde von Paris. Stimmt irgendwas nicht mit mir?

Premier Valls sprach bei seinem Redaktionsbesuch gar von der „Mission“ von „Charlie Hebdo“. Wer weiß, was es mit der französischen „mission civilisatrice“ auf sich hatte (und hat), kann sich nur gruseln.