Sonntag, 30. August 2015

Staaten sind ein unnützes Übel. Warum darf nicht jeder Mensch — im Rahmen des ihm Möglichen — selbst entscheiden, wo er leben möchte? Mit welchem Recht (außer dem von ihnen selbst gesetzten und mit Gewalt durchgesetzten) legen Staaten fest, wer auf welchem Territorium sich zu befinden hat, wer welcher Staatsmacht zugeordnet, wer „fremd“ ist? (Fremd nicht im Sinne von „unvertraut“, sondern von „nicht hierher gehörig“.) Noch erstaunlicher aber als diese Selbstermächtigung nationalstaatlicher Gewalt ist, dass die Leute mitspielen, dass sie sich mit der Willkür identifizieren und „unser Land“, „unsere Gesellschaft“, „unsere Kultur“, „unsere Sozialsysteme“ gegen „die“ — die Herbeiströmenden, Heranflutenden, geradezu Überflüssigen — in Schutz nehmen. Einfach wär’s, wenn sie nur ihr Eigentum und ihre Gewohnheiten verteidigen wollten, diese beiden Hindernisse für gelingende Menschlichkeit. Das kann man moralisch kritisieren. Aber sie verteidigen mehr und Schlimmeres: Das Phantasma einer natürlichen Gemeinschaft, die auf dem Ausschluss der natürlich nicht Dazugehörenden beruht und sich, um das natürliche Recht auf Identität zu schützen, selbstverständlich als Staat formieren muss. Dieser Aberglaube, selbst der Staat zu sein, der einen kontrolliert und gängelt, wird dann besonders widerlich, wenn dabei nicht mehr nur die Reichen reicher und die weniger Reichen in Schach gehalten werden sollen (was nach meinem Verständnis die vornehmste Aufgabe des Staates ist), sondern von den Ärmsten der Armen, die auf der Flucht oft nur das nackte Leben retten konnten, auch noch verlangt wird, sie müssten sich dem Status quo fügen, das „Recht“ der Starken und Mächtigen anerkennen und sich dem herrschenden Aberglauben anpassen.

Donnerstag, 27. August 2015

Die Krokodilstränen des Gesindels

Buhuhu, die armen toten Flüchtlinge! Beim Westbalkangipfel der europäischen Staats- und Regierungschefs zu Wien — wo der Balkan, wie Metternich sagte, hinterm Rennweg beginnt — legte man für die jüngst im Laderaum eines an Österreichs Ostautobahn abgestellten Lastkraftwagens aufgefundenen 20 bis 50 Toten, mutmaßlich Flüchtlinge, ein Gedenkminuterl ein, bevor man sich das Mittagessen schmecken ließ. (Was es wohl gab? Zigeunerschnitzel?)
Noch ehe die Toten überhaupt gezählt, geschweige denn obduziert und identifiziert sind, legte man sich politikseits bereits auf Schuldige fest: Die bösen, bösen Schleuser waren’s! Ohne im mindesten das Tun und Lassen von illegalisierten gewerblichen Fluchthelfern von Verantwortung freisprechen zu wollen, wird man freilich nicht umhinkönnen, eine ganz andere Todesursache zu benennen: die europäische Flüchtlingspolitik. 
Denn die vielgeschmähten Schleuser, Schlepper, „Menschenhändler“ sind nur Profiteure eben dieser Politik, die vor allem eine der Abschreckung, der Abwehr, der geschlossen Grenzen, der bürokratischen Hürden, der Ausweisung, der Deportation ist. Wer Einreise erschwert und verunmöglicht, sie im Wesentlichen gar illegal macht, darf sich nicht wundern, wenn illegales passiert. Wer Drogen verbietet, sichert den Drogenbaronen ein einträgliches Geschäft. Wer Prostitution verbietet, garantiert den Zuhältern ihr Einkommen. Wer Fliehen verbietet …
Aber selbstverständlich ist nicht Legalität oder Illegalität die entscheidende Frage. Denn was Gesetz ist, bestimmt, wer an der Macht ist. Es geht also um Machtfragen, und wie damit wie immer um Leben und Tod.
Denen, die zu Wien der mutmaßlich Getöteten gedachten, muss man sagen: Ihr habt kein Gewissen, sonst wüsstet ihr, dass Ihr diese Toten und all die anderen, die auf dem Weg nach Europa zu Tode kamen, auf eben diesem Gewissen habt. Die von Euch befürworteten politischen und gesetzlichen Bedingungen nämlich sind es, an denen sie starben. Ihr wollt diese Leute nicht in Euren Ländern haben. Wenn sie in ihren Ländern krepieren, ist es Euch wurscht. Erst wenn sie sich aufmachen, um Krieg und Verfolgung, Elend und Aussichtslosigkeit zu entkommen, erkennt Ihr ein Problem. Aber nicht etwa Krieg, Verfolgung, Elend Aussichtslosigkeit — in hohem Maße Folgen Eurer Politik und der Weltwirtschaftsordnung, für die Ihr über Leichen geht —, sondern die Suche nach Entkommen, nach Zuflucht, nach einem besseren Leben erklärt Ihr für besorgniserregend.
Ihr wollt diese Leute nicht. Ob und wie sie leben oder sterben, ist Euch egal. Es ist halt nur so unschön, wenn die Leichen nicht in ihren Herkunftsländern herumliegen, sondern hier bei uns. Das will keiner sehen. Das beunruhigt. Aber nicht auf die gute Weise, bei der die Bevölkerung Angst hat, die Neuankömmling könnten ihr was wegnehmen. Sondern auf die gefährliche Weise, bei der die Leute erschrecken, Mitleid empfinden und sich gar empören könnten.
Es stimmt, es gibt zu viele Flüchtlinge. Doch alles, was den Politikern an Problemlösung einfällt, sind noch mehr Hindernisse, schnelleres Deportieren und möglichst viele unwürdige Schikanen. Nichts davon löst irgendeines der Probleme, die Flucht verursachen. Nichts davon hilft den Menschen, die bereits auf der Flucht sind ode es demnächst aus guten Gründen sein werden. Man stelle sich vor, ein Arzt würde die Zahl seiner Krebspatienten dadurch reduzieren wollen, dass er sie nicht behandelt, sondern wegschickt. Man würde ihm kaum nachsagen, er habe den Krebs besiegt.
Nein, ich weiß nicht, wer die Toten von der burgendländischen Autobahn sind und wie sie zu Tode kamen. Aber ich weiß, dass die eigentlichen Verbrecher nicht die sind, die eine illegale Dienstleistung anbieten, sondern die, die eine notwendige Dienstleistung illegalisieren. Das heuchlerische Gesindel, das uns regiert, hat schlechterdings kein Recht, der Toten zu gedenken.

Glosse XXVII

Wenn einer in einem Text, den man im Übrigen der deutschen Sprache zuorden dürfen wird, den Ausdruck Defining Moment verwendet, den er gleich im Anschluss erklären zu müssen meint (eine der Situationen, die eine Generation prägen können), kann man ihm wohl nicht mehr helfen.

Samstag, 22. August 2015

Aufgeschnappt (bei einem Verzweifelten)

Ich kam neulich [1936] in München, wo man gerade mit Tubaton und Paukenkrach eines der nun alltäglichen Feste feierte, in meinem gewohnten Quartier am Bahnhof nicht unter, ich fand Notquartier in der Altstadt gegenüber einem Schulhaus, in dem man jetzt, in den Ferien, einen wandernden Trupp der Hitlerjugend untergebracht hatte.
Ich sah einen dieser Buben, der eben seinen Tornister abgeworfen hatte, sich umsehn im leeren Klassenzimmer, ich beobachtete, wie sein Blick auf den über dem Katheder hängenden Kruzifixus fiel, wie mit einem Mal dieses junge und noch weiche Gesicht in Wut sich verzerrte und wie er das Symbol, dem die deutschen Dome und die tönenden Säulenhallen der Matthäuspassion geweiht sind, von der Wand riß und er es durchs Fenster auf die Straße warf …
Mit dem Ausruf „Da lieg, du Saujud!“
Friedrich Reck-Malleczewen

Freitag, 21. August 2015

Schlechtes Wetter, schlechtes Essen, schlechte Menschen: Man muss schon sehr verzweifelt sein, um nach Großbritannien fliehen zu wollen. Das allein rechtfertigt derzeit den Eurotunnel, für dessen Zuschüttung ich sonst einträte. Und die Insulaner sollten sich über die Chance freuen, dass ihr verkorkster Genpool etwas aufgemischt wird.

„Flüchtlingskatastrophe“? „Flüchtlingskrise“? Millionen Menschen haben schrecklich gute Gründe, auf der Flucht zu sein. Hier kann man von Katastrophe und von Krisen sprechen. Dieselben Vokabeln jedoch auf die mangelnde Befähigung oder Bereitschaft anzuwenden, Flüchtlingen Zuflucht zu gewähren, weigere ich mich entschieden. Hier ist der einzig angemessene Begriff: Schande.

„In Griechenland sind 3 Männer wegen mutmaßlicher Raubüberfälle auf Bootsflüchtlinge festgenommen worden. (…) Bei einer Durchsuchung der Wohnungen der Männer wurden 5 Motoren sowie ein Karton mit nasser Kleidung, v.a. von Kindern, gefunden.“ (ORF-Text) Kriminelle gibt’s überall, aber welcher Abschaum der Menschheit verlegt sich darauf, Flüchtlingskinder auszurauben?!

Was sind das nur für Möchtegernherrenmenschen, die den Begriff „Mitleidsethik“ als Schimpfwort verwenden …

(Zu Anja Reschkes berühmtem TV-Kommentar:) Es geht nicht um Dummschwätzereien und menschenverachtende Hetze und nicht einmal um brennende Häuser. Es geht um die herrschende flüchtlingsfeindliche Politik. Nicht die „unanständigen“ Ränder sind das Problem, sondern die satte Mitte der Gesellschaft und die, die in deren Namen Politik machen.

Für Flüchtlinge hat das arme, arme Griechenland natürlich kein Geld. Für militärisches Training seiner Hubschrauberpiloten in Israel anscheinend schon.

Wenn zu viele Fremde ins Land kämen (oder wenn diese hier zu gut behandelt würden), fördere das Fremdenfeindlichkeit. Interessante Logik. Als ob man sagte, alle Juden müssten weg, damit Antisemitismus keine Chance habe.